Vier Fraktionen bewerten Investorenkonzept als problematisch
Stadträte fordern Planung des Bahnhofsgeländes gemeinsam mit Bürgern

Liberale Miltenberger: Cornelius Faust, Nicole Kolbe, Johannes Oswald, Klaus Wolf
SPD: Claudia Radczun-Polk, Katja Schäfer, Wilko Schmidt
ÖDP: Uli Frey, Günter Vogt
FW: Werner Heimberger

Die zeitnahe Belebung des ehemaligen Bahngeländes, die wichtigste zusammenhängende innerstädtische Entwicklungsfläche, ist für die Stadt Miltenberg ein vorrangiges Projekt.
Es war das gemeinsame Ziel des Stadtrates, hervorgehend aus dem ISEK-Prozess, dort ein Fachmarktzentrum, Wohnungen und ein Hotel zu platzieren. Dafür wurde ein Investorenwettbewerb ausgeschrieben, den die ActivGroup mit ihrem Entwurf gewonnen hatte.
Unsere Vorstellung war es, dort eine nachhaltige Projektierung der Fläche als Zukunftsperspektive für die Entwicklung der Stadt Miltenberg zu erhalten. Dabei wäre zu beachten gewesen, dass eine lockere Bebauung mit ausreichender Durchgrünung, Wegbeziehungen und Blickachsen zum Main geplant werden sollten.
Nach zähem Ringen um eine stetige Verbesserung der Plan- und Besatzvorlagen, liegt jetzt ein Konzept vor, dessen Besatz weit von der Vorgabe eines Fachmarktzentrums abweicht. Dieses sollte als Ergänzung und nicht als Konkurrenz zu unserem innerstädtischen Verkaufsangebot dienen.
Die gewünschte Magnetwirkung, durch attraktive Fachmärkte mit einer gewissen Alleinstellung, wird mit dem nun geplanten Billigbesatz nicht erzielt.
Diese wertvollste städtische Entwicklungsfläche erfordert wertvollste Nutzung. Wir wollten das Besondere und erhalten das Beliebige, Austauschbare und Fragwürdige. Langfristig ansprechender Besatz und nachhaltige Nutzung werden mit der derzeitigen Planung nicht erreicht. AWG und Tedi sind von Anfang an schwache Partner. Wir hätten bei diesem Projekt bereits einen Trading-Down-Effekt, bevor es richtig losgeht. Es besteht zu befürchten, dass - ähnlich wie in Roth - mittelfristig eine Industriebrache durch eine Gewerbe-/Märktebrache ersetzt wird.
Nicht zielführend sind auch die städtebaulichen und architektonischen Entwürfe. Sie werden dominiert durch eine blockhafte Riegelbildung, schlechte Wegebeziehungen und fehlende Blickachsen. Begrünung erfolgt hauptsächlich auf den Dachflächen. Die Architektur im Bereich der Märkte hat die Anmutung eines „Kasernenhofes“ mit aufgepfropfter Wohnbebauung, die über eine katastrophale Erschließung zugänglich gemacht wird. Problematisch sehen wir die bauliche Kombination mit unterschiedlichen Lebenszyklen: Märkte ca. 25 Jahre, Wohnbebauung ca. 80 Jahre. Hierdurch wird eine zukünftige Entwicklung erschwert, ein später vielleicht notwendig werdender Abbruch blockiert. Die Valentinpassage in Roth ist hier ein mahnendes Beispiel.
Trotz der Forderung aus dem Stadtrat fehlt in den letzten Konzepten die Integration einer zukünftigen Rad- und Fußbrücke nach Miltenberg-Nord.
Im Bereich Wohnen ist aktuell eine viel zu starke Verdichtung der Wohngebäude geplant. Der barrierehafte Tiefgaragenkomplex mit einer Abschottung durch eine riesenhafte Mauer zum Main
verhindert auch hier die Blickachsen und ermöglicht keine attraktive Weiterführung der Promenade. Nachhaltige Bauformen und Versorgungskonzepte sind nicht zu erkennen.
Auch ist kein Bewerber für das für die Stadt extrem wichtige Hotelkonzept vorhanden.
Das geplante Investorenmodell sehen wir als problematisch. Das Hauptinteresse der Stadt an einer maximal positiven, auf Langfristigkeit angelegten Entwicklung deckt sich nicht mit dem Geschäftsmodell des Investors. Gängige Praxis eines derartigen Projektentwicklers ist die Einführung eines Objektes mit 10-jährigen Mietverträgen und ein Weiterverkauf an einen Immobilienfond. So geschehen in Roth (ActivGroup) und auch in Miltenberg mit dem Edeka Markt. Hier war der Investor die Firma Procom aus Hamburg, welche dann die Immobilie an die Allemanic Retail S.A. mit Sitz in Luxemburg veräußert hat. Diese Fonds haben oft wenig Interesse an einem guten Leerstandsmanagement. Sie sind jeweils, wie auch die ActivGroup, Gesellschaften, die keine Verantwortung für Stadt oder Region übernehmen. Anders als bei regionalen Unternehmen und Gesellschaften, die doch einer gewissen Sozialkontrolle unterliegen.
Wir haben spät erkannt, dass die Entwicklung über einen Investor nicht zu gewünschten Ergebnissen führt. Durch Präsentation sogenannter Nachbesserungen, welche durch den immer sehr überzeugend auftretenden Architekten Herrn Kehrbaum erfolgten, hat der Investor den Eindruck erweckt, dass er immer auf unsere Vorschläge eingeht, was de facto nicht geschehen ist. Tatsächlich wurde das Ergebnis im Laufe der Zeit immer schlechter. Hoffnungen und Bemühungen doch noch einen attraktiven Handelsbesatz zu erreichen, haben sich in diesem Konzept als nicht umsetzbar gezeigt. Wir haben das spät erkannt und müssen nun sehen, wie wir die Zusammenarbeit beenden.
Die Verwaltung hat unbeirrt ausschließlich auf die Zusammenarbeit mit der ActivGroup gesetzt und darauf verzichtet Alternativvorschläge wahrzunehmen oder aufzugreifen. Dieses Vorgehen hat eine frühzeitige schärfere Reaktion oder auch die Klärung, wie teuer ein Ausstieg wäre, verhindert.
Wir sehen keine Möglichkeit zum Erreichen unserer ursprünglichen Ziele in diesem Investorenmodell.
Zeitnah nach der Wahl wollen wir in einem öffentlichen Forum unter Beteiligung der Bürgerschaft eine Generalplanung (grob nach Funktionen, Anordnung, Grundsätzen zur Nachhaltigkeit etc.) aufsetzen. Die Abarbeitung und Detaillierung der einzelnen Punkte bis hin zu einer „baubaren“ Planung sollte dann öffentlich im Stadtrat erfolgen. Die Erstellung des Bebauungsplanes und die Vermarktung sollen in Händen der Stadt verbleiben. Der Bau kann dann über einzelne Bauherren/Investoren erfolgen oder auch über ein noch zu gründendes Kommunalunternehmen.
Die Stadt muss unbedingt das Heft des Handelns in der Hand behalten!

Autor:

Katja Schäfer aus Miltenberg

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