Repair Cafe XL im Landratsamt
Repair Café – Reparieren statt wegwerfen!

Hildegard Schnörr aus Mudau freut sich, dass ihre Küchenmaschine von Willi Koschutjak, der vom Repair Café in Aschaffenburg zur Unterstützung nach Miltenberg kam, wieder flott gemacht wurde.
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  • Hildegard Schnörr aus Mudau freut sich, dass ihre Küchenmaschine von Willi Koschutjak, der vom Repair Café in Aschaffenburg zur Unterstützung nach Miltenberg kam, wieder flott gemacht wurde.
  • Foto: Sylvia Kester
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Erst gestern bin ich wieder in die „Wegwerf-Falle“ getappt: Die Laufleine vom Hund, die sich ausziehen lässt, ist gerissen. Die Vorgängerleine konnte man aufschrauben und wieder reparieren. Bei dieser – war wahrscheinlich ein Angebot – habe ich nicht darauf geachtet. Sie wurde maschinell so verschweißt, dass sie jetzt in der Mülltonne gelandet ist. Geben Dinge ihren Geist auf, landen sie heutzutage sehr schnell im Müll. Leider!

Seit mittlerweile fünf Jahren setzt sich das Café fifty in Obernburg mit seinem Repair Café dafür ein, dass man zuerst versucht, Altes zu reparieren, anstatt es gleich wegzuwerfen. Um im gesamten Landkreis darauf aufmerksam zu machen, wurde am Samstag, 1. Februar im Foyer des Landratsamtes in Miltenberg das Repair Café XL veranstaltet. Von 11 bis 17 Uhr konnte man kaputte Dinge – ob Haushaltsartikel, Textilien oder Elektroniksachen - zur Reparatur vorbeibringen und bei Kaffee und Kuchen darauf warten, bis es wiederhergestellt war. Um 13 Uhr gab es bereits 54 Reparaturaufträge der verschiedensten Art. Als Verfechter von Nachhaltigkeit hatte Landrat Jens Marco Scherf natürlich gern die Schirmherrschaft für das Repair Café XL übernommen und die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt.

Das Repair Café findet normalerweise an jedem 3. Sonntag in den Räumlichkeiten des „Café fifty“ in der Römerstraße in Obernburg statt. In der Regel stellen rund 10 ehrenamtliche Mitarbeiter an diesen Tagen ihre Fähigkeiten zur Verfügung, um Kaputtes wiederherzurichten und damit anderen zu helfen.
Ingeborg Wagner aus Obernburg hatte zum Beispiel mal einen Radiowecker, der nicht mehr ging. Anstatt ihn wegzuwerfen, ließ sie ihn einfach nachschauen und siehe da: es mussten nur die verschmutzten Kontakte gereinigt werden. Und weil sie das Café-Team auch unterstützen möchte, wird ab und zu eben mal ein Kuchen für das Café gebacken.

Auch die junge Generation muss mehr motiviert und aufgeklärt werden

Am Samstag trafen sich im Landratsamt insgesamt 15 Freiwillige, die von anderen Repair-Cafés aus dem gesamten Spessart sowie dem Odenwaldkreis angereist waren, um diese Initiative und ihre hiesigen Kollegen tatkräftig zu unterstützen. Es gab verschiedene Reparatur-Stationen, etwa für Haushaltsgeräte, Näharbeiten, Uhren, Werkzeug, IT, Kassettenrecorder und Plattenspieler sowie eine Elektrostation. Die Resonanz war riesengroß, es scheint also „Reparaturbedarf“ zu bestehen.

Wir leben heute in einer Wegwerfgesellschaft und davon müssen wir einfach wegkommen. Wie heißt es doch so schön: Es gibt keinen Planet B! Oder wie Landrat Scherf dazu meinte: „Wir müssen ein Umdenken erreichen, eine Wertschätzung der Dinge, Reparieren muss sich einfach wieder lohnen und Rohmaterial wieder trennen lassen. Die Vorgaben für die Herstellung müssen dafür vom Gesetzgeber kommen. Elektronikschott ist für den Landkreis keine Einnahmequelle, wie fälschlicherweise von vielen gedacht wird, sondern definitiv ein Draufleg-Geschäft.“ Das Repair-Café bietet allen, die es verstanden haben, die Chance dafür. Denn vielen, die gerne etwas reparieren (lassen) würden, fehlt es an einer geeigneten Annahmestelle, am nötigen Werkzeug oder einfach am Wissen, um es selbst zu erledigen. Zudem ist eine Reparatur durch Fachpersonal heute oft teurer als der Neukauf. Die Angebote von Repair Cafés sind meistens kostenlos, Spenden werden von den Organisatoren jedoch gerne entgegengenommen.

„Beim letzten Repair-Café-Tag wurden in Obernburg 95 Artikel zur Reparatur abgegeben“, so der 1. Vorsitzende Stefan Engels. „Die Initiative kam vor 10 Jahren ursprünglich mal aus Holland. Nach der Insolvenz und zur Neuaufstellung des, Café fifty‘ mussten wir uns überlegen, mit welchen Ideen wir uns neu aufstellen könnten, denn irgendetwas musste passieren. Und wir wollten auf keinen Fall aufgeben. Denn das Café ist eine Anlaufstelle und Treffpunkt für viele Menschen. Die Frage war: Wie können wir aber mehr Menschen erreichen? So kam die Idee dafür und 2019 feierten wir 5-jähriges Bestehen – und das erfolgreich.“

Die Jugend dafür begeistern

Aber das heißt auch, weiter an Ideen zu arbeiten. Ein Ziel, so Stefan Engels, sei es, technik-affine Jugendliche für das Projekt „reparieren statt wegwerfen“ zu begeistern und die Idee weiter zu verbreiten, zu fördern und zu etablieren, etwa an Schulen und Jugendtreffs. Das erste Kooperations-Pilotprojekt dazu fand bereits im Kinder & Jugendtreff in Mönchberg statt.

Denn die junge Generation ist es, bei der man ansetzen muss, um ein Umdenken zu fördern. Sie wächst in einer Zeit auf, in der das Wegwerfen zum Alltag gehört. Schon bei Kindern und Jugendlichen muss daran gearbeitet werden, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit an Priorität gewinnt.

Repair Cafés sind darüber hinaus generationsübergreifende Projekte – hier können Jung und Alt voneinander profitieren. Es ist nämlich falsch zu sagen: „Die Alten haben keine Ahnung mehr“ oder „Der Jugend fehlt der Sinn für Wert“! Es ist sicherlich auch für einen jungen Menschen ein Erfolg, wenn er zusammen mit einem älteren Tüftler eine X-Box wieder zum Leben erweckt. Und ein junger Bastler lernt vielleicht gerade die Dankbarkeit eines älteren Menschen schätzen, indem er sich der Dinge annimmt, bei denen es weniger um den materiellen Wert geht, an denen aber oft viel Herz und Erinnerungen hängen.

IM INTERVIEW:

Gertrud Griebel aus Elsenfeld: „Ich bin jetzt seit rund 2 Jahren ehrenamtlich für das Repair Café tätig und nähe. Dazu gehören Reparatur- und Ausbesserungsarbeiten an Kleidungsstücken und anderen Textilien. Wir haben mal ein Radio reparieren lassen, und da ich Zeit hatte und nähen konnte, habe ich nachgefragt, ob auch dafür Bedarf bestünde. So kam ich dazu. Ich finde es ein super Konzept. Einfach schon dafür, nicht gleich immer alles wegzuschmeißen.“

Hildegard Schnörr aus Mudau: „Ich habe von der heutigen Aktion gelesen und dachte mir, das probierst du mal aus. Ich lasse also zum ersten Mal etwas im Repair Café reparieren und es wird nicht das letzte Mal sein. In diesem Fall ist es meine Küchenmaschine, die nicht mehr funktioniert. Meine Kinder sagten noch, Schmeiß das Ding weg!‘. Den Versuch war es mir aber wert, und jetzt freue ich mich darüber, dass sie wieder funktioniert!“

Willi Koschutjak vom Repair Café in Aschaffenburg kam als Verstärkung ins Landratsamt: „Ich bin bereits 7 Jahre dabei. Von Beruf bin ich gelernter Karosseriebauer. Daher kommt auch mein know how und ich bastel gerne. Da ich aktiv im Umweltschutz tätig bin, bin ich natürlich überzeugt vom Repair Café. Das Gute ist, man kann sich bei Problemen mit den Kollegen austauschen und da jeder aus einer anderen Sparte kommt, ist es immer wieder spannend. Bei Lösungsfindungen muss man auch schon mal um die Ecke denken.“

Thomas Wagner aus Haibach ist ebenfalls zur Unterstützung der Obernburger Kollegen in Landratsamt gekommen: „Als alter Bastler und Maschinenbautechniker ist das Repair Café eine super Sache, um meine Leidenschaft auch sinnvoll einzusetzen.“

INFO

Wer und Was ist das Repair Café

Unser Repair Café ist kein Reparaturdienst im herkömmlichen Sinne, sondern wir bieten lediglich Hilfe zur Selbsthilfe an. Wir sind immer auf der Suche nach Leuten, die Lust haben sich einzubringen. Dazu gehören diejenigen die Lust auf Reparieren haben, aber auch Kuchenbäckerinnen.
Jeden 3. Sonntag im Monat werden defekte Alltagsgegenstände gemeinschaftlich repariert. Elektrische und mechanische Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik, Textilien, Fahrräder, Spielzeuge etc. Repair Cafés sind nichtkommerzielle Treffen, deren Ziel es ist, die Nutzungsdauer von Gebrauchsgütern zu verlängern und dadurch Müll zu vermeiden, Ressourcen zu sparen und nachhaltige Lebensweisen in der Praxis zu erproben.
Interessierte und Tüftler können sich austauschen und eine gute Zeit miteinander verbringen. Daher sind Kaffee und Kuchen genauso wie Schraubendreher und Lötkolben wichtiger Bestandteil der Repair Cafés.

Öffnungszeiten
Café fifty, Römerstr. 72, Obernburg Tel. 06022 - 265844
Mo-Fr 10 bis 18 Uhr
Repair Cafe findet jeden 3. Sonntag im Monat statt. Von 10-17 Uhr

Autor:

Sylvia Kester aus Miltenberg

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