Bildergalerie und Essay.
Ausflugstipp: Unterwegs an der Sehboldsruhe bei Wenschdorf.
- Fast wie im Märchen
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Zwischen den Spuren der Nacht.
Frühherbstlicher Waldmorgen rund um die Sehboldsruhe.
Die Sonne steht noch tief über den Höhen des Odenwaldes, als an der Sehboldsruhe oberhalb von Wenschdorf die ersten Schritte in den Wald führen.
Kühler Septemberduft liegt in der Luft. Das Licht fällt weich durch die Baumkronen und taucht Wege, Sträucher und Lichtungen in jene besondere Stimmung, die nur der frühe Herbst hervorbringt. Der Sommer hält sich noch fest, doch seine Kraft beginnt nachzulassen.
Schon wenige Meter hinter dem Parkplatz erzählen frische Spuren von den heimlichen Bewohnern der Nacht. Der Waldboden ist auf weiten Strecken regelrecht umgepflügt. Wildschweine haben das Erdreich umgewühlt, tiefe Furchen gezogen und große Flächen aufgerissen. Auf der Suche nach Regenwürmern, Käfern und Engerlingen haben die Schwarzkittel ganze Arbeit geleistet. Die Schäden sind unübersehbar und zeigen, wie intensiv die Tiere die feuchten Böden nach den letzten Niederschlägen nutzen.
Am Wegrand setzt das Indische Springkraut kräftige Farbtupfer. Hummeln umschwärmen die rosa Blüten und verschwinden tief im Blütenkelch. Ihr gleichmäßiges Summen begleitet den Spaziergang. Überall ist Bewegung, obwohl der Wald auf den ersten Blick ruhig erscheint.
Plötzlich taucht auf dem Forstweg eine Gruppe Mountainbiker auf. Die Fahrerinnen und Fahrer sind mit modernen E-Bikes unterwegs, lachen, grüßen freundlich und ziehen zügig weiter. Kurz darauf verschwinden sie bereits wieder hangabwärts zwischen den Bäumen. Für einen Moment bleibt nur das Surren der Elektromotoren zurück, ehe auch dieses verstummt.
Der Weg steigt leicht an und führt in Richtung Steinerner Berg, einer sagenumwobenen Anhöhe. Der Wald präsentiert sich abwechslungsreich. Vereinzelt fallen abgestorbene oder verdorrte Laubbäume auf. Ihre Kronen wirken ausgebleicht und leer. Doch daneben stehen mächtige, gesunde Buchen und Eichen, die ihre ganze Kraft entfalten. Die Natur zeigt hier sowohl ihre Verletzlichkeit als auch ihre Widerstandsfähigkeit.
Über den Baumwipfeln erscheint ein Rabe. Mit ruhigen Flügelschlägen zieht er seine Kreise am Himmel, bevor er in Richtung eines entfernten Waldstücks entschwindet.
Noch höher hinterlassen Verkehrsflugzeuge lange weiße Kondensstreifen. Wenig später dringt ihr dumpfes Grollen bis in den Wald hinein und erinnert daran, dass über der scheinbaren Abgeschiedenheit ein dichter Luftverkehr unterwegs ist.
Wer auf eine reiche Pilzernte hofft, wird an diesem Morgen enttäuscht. Trotz intensiver Suche sind kaum Fruchtkörper zu entdecken. Nur einige kleine Pilze zeigen sich am Wegesrand, manche gelblich, andere mit violettem Schimmer. Dazwischen ziehen sich bemooste Wurzeln wie grüne Adern durch den Waldboden und verleihen der Landschaft etwas Geheimnisvolles.
An einer Lichtung wird sichtbar, wie intensiv die Forstwirtschaft am Wald von morgen arbeitet. Ein eingezäuntes Gelände schützt junge Bäume vor Wildverbiss. Schlanke Stämmchen wachsen hier heran und sollen eines Tages die nächste Waldgeneration bilden.
Dann öffnet sich unvermittelt ein nahezu märchenhaftes Bild. Zwischen den Bäumen erscheint eine Blockhütte mit mehreren Nebengebäuden. Das Ensemble wirkt, als gehöre es in eine Erzählung aus längst vergangenen Zeiten. Vermutlich dient die Anlage Forstarbeitern und Jägern als Stützpunkt. Das helle Holz fügt sich harmonisch in die Umgebung ein und verstärkt die besondere Atmosphäre dieses Waldabschnitts.
Der Vormittag schreitet voran. Das Licht wird wärmer, die Schatten kürzer. Alles deutet darauf hin, dass die angekündigten sonnigen und nochmals deutlich wärmeren Tage nicht mehr fern sind. Noch aber zeigt sich der Odenwald von seiner angenehmsten Seite: spätsommerlich, ruhig und voller kleiner Beobachtungen.
Auf dem Rückweg zum Parkplatz Sehboldsruhe dringt zunehmend das Geräusch des Straßenverkehrs durch die Bäume. Auf der Wenschdorfer Steige herrscht reger Begegnungsverkehr. Autos folgen dicht aufeinander, während nur wenige Meter entfernt die Waldwege still und beinahe zeitlos wirken.
Als der Parkplatz wieder erreicht wird, bleibt der Eindruck eines Morgens voller unspektakulärer, aber eindrucksvoller Begegnungen zurück. Die nächtlichen Spuren der Wildschweine, die Hummeln am Springkraut, die vorbeiziehenden Radfahrer, der einsame Rabe und die versteckte Blockhütte fügen sich zu einem stimmigen Bild des frühen Herbstes im Odenwald zusammen. Es ist ein Morgen, der zeigt, dass die schönsten Geschichten oft direkt am Wegesrand liegen.
Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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