Bildergalerie und Essay.
Barthel weiß, wo er den Most holt...
- In Mönchberg wird diese alte Schwelle zwischen Sommerfülle und Herbstahnung bis heute auf besondere Weise erfahrbar. Der Bartholomäusmarkt ist dort mehr als ein Einkaufs- oder Festsonntag. Er ist ein Stück Ortsgedächtnis. Man trifft sich, bleibt stehen, kostet, schaut, plaudert, hört Musik, begleitet Kinder zu den Angeboten und merkt dabei, wie sehr ein Markt auch Zusammenhalt sichtbar machen kann.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Bartholomäus – ein Heiliger zwischen Spessart, Maintal und Odenwald.
Wer im Spessart, am Main oder am Rand des Odenwalds eine Kirche betritt, die dem heiligen Bartolomäus geweiht ist, spürt oft sofort eine besondere Schicht von Stille. Es ist keine leere Stille, sondern eine, die nach Weihrauch, Holz, altem Gebet und nach vielen Generationen klingt, die hier gesessen, gebetet, gehofft und vielleicht auch manches still ausgehalten haben.
Zwischen Mainbogen, Spessarthöhen und Odenwaldrand begegnet Bartholomäus nicht als ferner Name aus dem Heiligenkalender, sondern als Patron einer Landschaft, in der Glaube, Arbeit, Jahreslauf und Markttag eng zusammengehören. Besonders in Mönchberg, dem Spessart-Luftkurort im Landkreis Miltenberg, bekommt diese Verbindung einen eigenen Klang: Dort wird aus dem Apostel nicht nur eine Figur der Kirchenkunst, sondern ein Begleiter des Dorf- und Marktlebens.
Der Bartholomäusmarkt in Mönchberg zeigt, wie lebendig ein alter Namenstag bleiben kann. Was andernorts nur noch als Datum im Kalender erscheint, wird hier zum Treffpunkt: mit Marktständen, Musik, Frühschoppen, regionalen Produkten, offenen Türen im Heimatmuseum, Begegnungen auf der Hauptstraße und jenem freundlichen Gemisch aus Gespräch, Genuss und Neugier, das einen guten Markt ausmacht.
Bartolomäus gehört zu jenen Aposteln, die nicht mit großem Trommelwirbel auftreten. Die Überlieferung setzt ihn oft mit Nathanael gleich, jenem Mann, den Jesus als Menschen ohne Falschheit erkennt. Das ist, wenn man ehrlich ist, bereits eine bemerkenswerte Auszeichnung. Ohne Falschheit zu sein, klingt heute fast wie eine geistliche Hochleistungssportart: keine Pose, kein frommes Theater, kein innerer Beipackzettel mit Kleingedrucktem.
Nathanael fragt zunächst skeptisch, ob aus Nazaret überhaupt etwas Gutes kommen könne. Diese Skepsis versteht man zwischen Spessart, Maintal und Odenwald gut. Man glaubt nicht jedem Schild am Weg, nicht jeder Wetterverheißung und schon gar nicht jedem, der zu schnell zu viel verspricht. Doch gerade diese nüchterne Vorsicht macht ihn sympathisch. Er glaubt nicht leichtfertig, aber als ihn der Ruf trifft, geht er mit.
Seine Vita führt weit über die Landschaften Galiläas hinaus.
Der Legende nach verkündete er in fernen Gegenden das Evangelium, besonders wird Armenien genannt. Bartolomäus war kein Mann der bequemen Wege. Man kann ihn sich kaum als jemanden vorstellen, der erst den Himmel prüft, dann das Schuhwerk sortiert und schließlich entscheidet, dass Mission bei wechselhaftem Spessartwetter lieber verschoben werden sollte. Bartolomäus ging. Er sprach, heilte, tröstete und widersprach – nicht mit Macht, sondern mit stiller Klarheit.
Sein Martyrium gehört zu den eindringlichsten der christlichen Tradition. Die Kunst zeigt ihn häufig mit dem Messer, einem drastischen und zugleich tief symbolischen Attribut. In einer Region, in der Messer auch Werkzeuge des Alltags sind – beim Brot, beim Holz, im Garten, an der Rebe, in der Küche und in der Werkstatt –, verliert dieses Zeichen seine bloße Schärfe. Es erinnert daran, dass Wahrheit manchmal freigelegt werden muss.
Gerade deshalb passt Bartholomäus so gut in diese Landschaft. Der Spessart liebt keine übertriebenen Gesten. Das Maintal kennt den langen Atem des Flusses, die Geduld der Reben und das weiche Licht über den Hängen. Der Odenwald wiederum bringt seine eigene stille Festigkeit mit: Wald, Stein, Höhe, Wetter und Wege, die selten prahlen, aber viel erzählen.
Zum Leben dieses Heiligen gehört nicht nur die Legende vom Martyrium, sondern auch das Brauchtum um seinen Gedenktag am 24. August. Der Bartholomäustag war vielerorts ein Lostag: Man blickte auf Wetter, Ernte, Vorräte und Herbst. Der Sommer ging zur Neige, das Getreide war eingebracht, Obst und Most rückten in den Blick, und in den Dörfern wusste man: Jetzt entscheidet sich manches für die kommenden Wochen.
In Mönchberg wird diese alte Schwelle zwischen Sommerfülle und Herbstahnung bis heute auf besondere Weise erfahrbar. Der Bartholomäusmarkt ist dort mehr als ein Einkaufs- oder Festsonntag. Er ist ein Stück Ortsgedächtnis. Man trifft sich, bleibt stehen, kostet, schaut, plaudert, hört Musik, begleitet Kinder zu den Angeboten und merkt dabei, wie sehr ein Markt auch Zusammenhalt sichtbar machen kann.
Besonders schön ist, dass der Markt nicht nur von Waren lebt, sondern von Beteiligung. Vereine, Gewerbetreibende, Musik, regionale Anbieter und viele helfende Hände tragen dazu bei, dass aus einer Tradition kein museales Erinnerungsstück wird, sondern ein lebendiger Markttag im Herzen des Spessarts. Zwischen Rathaus, Pfarrheim, Hauptstraße und Musikpavillon wird spürbar: Hier gehört Brauchtum nicht ins Schaufenster, sondern unter die Leute.
Aus dieser Welt kommt auch der Satz, der sich bis heute mit mildem Schmunzeln hält: „Barthel weiß, wo er den Most holt.“ Ursprünglich meinte er wohl einen gewitzten Menschen, der schon am Bartholomäustag wusste, wo guter Most zu finden sein würde. Im Maintal, im Spessart und im Odenwald klingt das besonders plausibel. Denn hier gilt Klugheit wenig, wenn sie keine praktische Anwendung findet. Wer weiß, wo der Most steht, aber den Krug vergisst, hat nur die Hälfte verstanden.
So wird aus dem Apostel ein erstaunlich lebensnaher Begleiter. Er steht nicht entrückt über den Menschen, sondern zwischen ihnen: bei der Kirchweih, beim Patrozinium, beim Markt, in Bauernregeln, Redensarten und Erinnerungen. Seine Spuren führen nicht nur in große Kirchenräume, sondern auch zu Bildstöcken, Kapellen, Wegkreuzen, Festplätzen und Dorfstraßen.
Wer durch Mönchberg geht, merkt: Der Ort kann diese Verbindung tragen. Der Blick reicht in die Spessartlandschaft, der Main ist nicht weit, der Odenwald liegt als Nachbarraum jenseits der vertrauten Linien. Zwischen Wäldern, Hängen, roten Dächern und Kirchturm entsteht eine Frömmigkeit, die nicht laut werden muss, um Gewicht zu haben.
Heute, im Jahr 2026, wirkt Bartolomäus in Spessart, Maintal und Odenwald erstaunlich zeitgemäß. Die Menschen suchen keine überhöhten Figuren, sondern Begleiter. Keine Drohbilder, sondern Zeichen der Beständigkeit. In einer Welt, die sich schneller dreht als früher und dabei gelegentlich so tut, als sei Geschwindigkeit schon Weisheit, steht sein Festtag wie eine kleine Insel der Ruhe.
Bartolomäus erinnert daran, dass Glauben nicht immer wie ein Paukenschlag daherkommt. Manchmal klingt er wie ein Schritt auf Steinboden, wie eine Kirchentür, die leise zufällt, wie ein alter Satz, den man plötzlich neu versteht, oder wie Musik an einem Markttag, die sich zwischen Gespräche, Essensduft und Kinderlachen mischt.
Bartolomäus ist ein Heiliger, der die Welt gesehen hat und doch in Mönchberg zuhause wirken kann. Einer, der mit Messer und Buch daran erinnert, dass Wahrheit sowohl gelesen als auch freigelegt werden will. Und einer, der – wenn man der Redensart einen freundlichen theologischen Seitensprung erlaubt – tatsächlich weiß, wo er den Most holt: nicht dort, wo es am lautesten sprudelt, sondern dort, wo Geduld, Klugheit und Humor zusammenkommen.
Vielleicht ist das seine modernste Botschaft: den richtigen Weg kennen, ihn mit Treue gehen und dabei das Lächeln nicht vergessen.
Roland Schönmüller (Text und Fotos).
BU 1: „Barthel weiß, wo er den Most holt“ – eine Redensart, die im Spessart, am Main und im Odenwald bis heute den richtigen Ton zwischen Schläue, Erfahrung und Humor trifft.
BU 2: Der Bartholomäusmarkt in Mönchberg macht sichtbar, wie aus einem alten Heiligengedenken ein lebendiger Markttag für die ganze Region wird.
BU 3: Most – zwischen Herstellung, Genuss und jener Geduld, die zum Jahreslauf zwischen Spessart, Maintal und Odenwald gehört.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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