Bildergalerie und Essay.
Veronika, der Lenz is da! Impressionen aus Miltenberg.
- Spaziergang am Main in Miltenberg- alles zielt in Richtung Frühling, aber ohne Eile!
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Miltenberg, Donnerstag, 19.03.2026.
Es ist einer dieser frühen Märznachmittage, an denen das Licht noch zögert, aber schon deutlich macht, wohin es will. Am Mainufer, zwischen Schwimmbad und Schiffsanlegestelle, liegen die Parkanlagen wie frisch geöffnet. Die Frühblüher stehen da, als hätten sie sich verabredet, heute besonders farbig zu sein. Ein stilles Lob an die Gärtnerinnen und Gärtner, die mit ihren Beeten den Übergang vom Winter ins Helle so selbstverständlich gestalten, dass man es fast übersieht.
Ich gehe langsam, ohne Ziel, und lasse die Stimmen der Menschen an mir vorbeiziehen. Sie gehören zu diesem Nachmittag wie das Glitzern auf dem Wasser.
Auf einer Bank sitzt eine junge Frau, vielleicht einundzwanzig. Sie hält ihr Handy so, als sei es ein zweiter Puls. Ihre Worte sind halblaut, beiläufig, und doch tragen sie etwas Leichtes in sich. Sie erzählt jemandem, wie schön das Licht sei, und man spürt, dass sie es nicht übertreibt. Sie spricht nicht in die Welt, sondern in einen Moment hinein, der ihr gerade gehört.
Ein paar Schritte weiter hat ein junger Mann sein Fahrrad neben sich abgestellt. Er wirkt, als habe er sich vorgenommen, sportlich zu sein, und sei dann vom Frühling überredet worden, es für heute gut sein zu lassen. Er liest etwas auf seinem Handy, lächelt kurz, schüttelt den Kopf. Das Fahrrad lehnt geduldig neben ihm, als wüsste es, dass es heute nicht mehr gebraucht wird.
Auf einer anderen Bank wartet eine Frau Mitte fünfzig. Ihre Hände liegen ruhig im Schoß, ihr Blick wandert zwischen Lindenplatz und Main hin und her. Sie murmelt etwas von gleich, von immer gleich, und man ahnt, dass sie diese Bekannte seit Jahren kennt, mit all ihren Verspätungen. Es ist eine geduldige Art des Wartens, die sich nicht aufregt, sondern einfach dazugehört.
Am Ufer steht ein älteres Paar. Er hält die Brötchentüte, sie verteilt die Stücke mit einer Sorgfalt, die fast rührend ist. Sie sagt, die Enten sollen nicht zu viel bekommen, er sagt, die Tiere wüssten schon, wann Schluss sei. Die Enten wissen es nicht. Aber sie wissen, dass dieses Paar jeden März wiederkommt. Es ist ein kleines Ritual, das den Frühling verlässlich macht.
Der Main glitzert, als hätte jemand eine dünne Schicht Licht darübergelegt. Die Enten ziehen ihre Dreierformationen, ein Weibchen, zwei Erpel, und man könnte meinen, sie hätten das so im Kalender stehen. Die Eiscafés sind geöffnet, die ersten Kugeln schmelzen schneller, als man sie essen kann, und in den Schaufenstern hängen die frühen Sales‑Schilder, die immer ein wenig zu optimistisch wirken.
So geht dieser Nachmittag dahin, leicht und unaufdringlich. Alles zeigt in Richtung Frühling, ohne Eile, aber mit einer stillen Gewissheit. Die Stadt wirkt, als habe sie gerade tief ausgeatmet und beschlossen, wieder freundlich zu sein.
Hier - passend dazu - eine feuilletonistische Kolumne.
Veronika, der Lenz ist da – schon der Klang dieser Worte wirkt wie ein geöffnetes Fenster. Man spürt, wie der Winter kurz zusammenzuckt, als hätte jemand hinter seinem Rücken das Licht angeknipst. Es ist ein Satz, der weniger eine Feststellung als ein gesellschaftliches Ereignis markiert. Der Lenz kommt nie einfach, er tritt auf. Und Veronika, die im Titel so beiläufig genannt wird, ist seine charmante Komplizin.
Der Frühling, das wusste man schon in den frühen Dreißigern, ist keine Jahreszeit, sondern ein Zustand. Ein leicht erhöhter Puls, ein unvernünftiges Lächeln, ein plötzliches Bedürfnis, die Fenster zu putzen oder wenigstens so zu tun. Das Lied, das diesen Zustand besingt, spielt mit genau dieser Mischung aus Aufbruch und Übermut. Es ist ein musikalisches Zwinkern, ein kleiner Flirt mit der Welt, der sich als Schlager tarnt.
Dass der Lenz in diesem Titel so selbstverständlich personifiziert wird, verrät viel über die Symbolik des Stücks. Der Frühling ist hier nicht nur meteorologisch, sondern erotisch. Er steht für das Erwachen der Sinne, für jene leise Unruhe, die sich in den ersten warmen Tagen breitmacht. Veronika wiederum ist weniger Figur als Projektionsfläche. Sie könnte jede sein, die sich vom ersten Grün verführen lässt, jede, die den Winter abschüttelt wie einen zu schweren Mantel. In ihr bündelt sich die Sehnsucht nach Leichtigkeit, nach einem Leben, das wieder nach draußen drängt.
Historisch betrachtet entstand das Lied in einer Zeit, die kulturell glitzerte und politisch bereits bröckelte. Die Weimarer Republik war ein Ort der Gegensätze, und gerade deshalb traf dieser heitere Frühlingsruf einen Nerv. Die Musik stammt von Walter Jurmann und Bronislaw Kaper, der Text von Fritz Rotter. Doch erst die Comedian Harmonists machten daraus jenes kleine Kunstwerk, das bis heute nachhallt. Ihr Satzgesang verlieh dem Lied jene federnde Eleganz, die es unsterblich machte. Man hört darin nicht nur Stimmen, sondern ein Lebensgefühl.
Vielleicht liegt die anhaltende Wirkung des Titels darin, dass er ein Ritual geworden ist. Sobald jemand ihn ausspricht, weiß jeder, was gemeint ist. Es ist der Moment, in dem die Menschen kollektiv beschließen, dass es jetzt reicht mit dem Grau. Ein kultureller Startschuss, der jedes Jahr aufs Neue abgefeuert wird, ohne dass er an Kraft verliert.
Und so bleibt dieser Satz, fast hundert Jahre nach seiner Entstehung, ein verlässlicher Begleiter. Er kündigt nicht nur den Frühling an, sondern auch die Bereitschaft, sich wieder ein bisschen zu wundern. Man könnte sagen: Wenn der Winter der pedantische Hausmeister ist, der die Heizung zu früh abdreht, dann ist der Lenz der charmante Nachmieter, der sofort die Fenster aufreißt und Blumen auf den Tisch stellt. Und Veronika? Die steht schon in der Tür und fragt, ob man nicht endlich wieder hinausgehen will.
Der Lenz ist da. Und mit ihm die Ahnung, dass die Welt sich wieder ein wenig leichter nehmen lässt.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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