Bildergalerie und Essay.
Warum ist der Miltenberger Messe-Einzug so faszinierend?
- Festzeltwirt Franz Widmann in Aktion
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Miltenbergs muntere Menschenmasse marschiert meisterhaft.
Das Präludium: Wo das Auge am besten schwelgt.
Bevor der farbenprächtige Lindwurm aus Kutschen, Musikanten und geschulterten Gewehren durch die Altstadt birst, muss der Connaisseur des fränkischen Frohsinns heute strategisch Position beziehen.
Vergessen Sie den Zufall – wählen Sie Ihre persönliche Loge im Freilufttheater Miltenbergs:
* Das Schwarzviertel (Für Romantiker): Enge Gassen, drängende Fachwerkhäuser. Hier atmet das Pflaster pure Geschichte. Gehen Sie früh hin, die Gehwege sind schmal, aber die Fotokulisse ist ein Traum.
* Das Schnatterloch (Für Postkarten-Jäger): Der Marktplatz bietet durch seine Steigung eine natürliche Tribüne. Hier bremst der Zug, die Rösser schnauben, und die historischen Gewänder wirken vor den Brunnenanlagen wie aus der Zeit gefallen.
* Der Engelplatz (Für Familien & Genießer): Vor dem Rathaus öffnet sich die Kulisse. Hier gibt es Platz für Kinderwagen, Luft zum Atmen und den vollen, ungedämpften Schalldruck der vorbeiziehenden Blaskapellen.
* Der Zwillingsbogen (Für Durstige): Die Zielgerade vor dem Messegelände. Hier ist es oft etwas leerer, und sobald der letzte Wagen vorbeirauscht, sind Sie mit zwei Schritten Vorsprung auf dem Weg zum ersten kühlen Festbier.
Die offizielle Chronik des Lindwurms: Alle Teilnehmer in Reih' und Glied.
Wenn heute um Punkt 14:30 Uhr das Signal ertönt, setzt sich eine sorgsam austarierte bayerisch-fränkische Hierarchie in Bewegung, die wir sachlich-humorvoll wie folgt in vier große Blöcke gliedern:
Block I: Die herrschaftliche Vorhut & die Ehrengäste
1. Die städtischen Schildträger: Junge Herolde, die dem wartenden Volk visuell verkünden, dass das Warten ein Ende hat.
2. Die Historische Bürgergarde: Männer wie Bäume in Uniform. Sie gucken streng, sichern die Spitze und meinen es beim anschließenden Schoppen absolut friedlich.
3. Die offizielle Stadtkapelle: Die musikalische Allzweckwaffe der Region. Sie blasen den Marsch, der das Tempo des gesamten Trosses diktiert.
4. Die traditionsreichen Messeeinzugskinder: Rund 100 aufgeregte Knirpse in historischen Handwerks-Gewändern. Sie werfen Bonbons mit der Präzision erfahrener Generäle.
5. Die herrschaftliche Festkutsche des Magistrats: Hochglanzpoliert und angeführt von der Rathausspitze, die den hölzernen Schlegel für den Anstich bereits fest im Griff hält.
6. Das prunkvolle Brauereigespann samt Festwirten: Die Festwirtsfamilie thront auf dem Prunkwagen, gezogen von schweren Kaltblütern.
Sie bewachen gedanklich bereits ihre neue Besucher-Ampel im Festzelt.
Block II: Die Meister des Marschschalls.
1. Die erste große Gastkapelle aus dem Spessart: Bringt das raue, aber herzliche Klangvolumen der tiefen Wälder direkt auf den staubigen Asphalt.
2. Ein traditionsreicher Spielmannszug: Klassische Pfeifer und Trommler, die für das rhythmische Fundament im Mittelfeld sorgen.
3. Die klangstarken Musikanten aus der Nachbargemeinde: Sie beweisen, dass geografische Grenzen zumindest musikalisch völlig fließend sind.
4. Eine Odenwälder Trachtenkapelle: Marschmusik in feinstem Gewand – hier sitzt jeder Ton und jede Falte.
5. Ein weiterer befreundeter Musikverein: Sie halten die musikalische Fahne im hinteren Zugdrittel hoch, damit niemand vorzeitig einschläft.
6. Ein historischer Fanfarenzug: Schmetternde Fanfaren und Landsknechtstrommeln, die für den nötigen historischen Schalldruck sorgen.
Block III: Das wirbelnde Meer der Tradition.
1. Der lokale Heimat- und Trachtenverein: Die Hüter der untermainischen Werntal-Tracht. Stolz, bunt und absolut messetauglich.
2. Eine alpine Gebirgstrachtengruppe: Alpin-fröhliche Akzente mitten im Unterland – hier wird auch mal die Lederhose schwungvoll in Szene gesetzt.
3. Eine regionale Volkstanzgruppe: Sie zeigen mit ihren traditionellen Rundtänzen, dass Heimatliebe kein staubiges Konzept, sondern ein dynamischer Augenschmaus ist.
4. Eine historische Winzergruppe: Eine lebendige Reminiszenz an den historischen Weinbau, der die Region seit Jahrhunderten flüssig hält.
5. Eine Trachtengruppe aus der ehemaligen Grafschaft: Festtagsdirndl und Kirchenröcke, getragen mit herrschaftlicher Würde.
Block IV: Das bunte Gefolge des lokalen Ehrenamts.
1. Die Freiwillige Feuerwehr: Marschieren stolz mit einer historischen Handdruckspritze – heute im reinen Durstlösch-Einsatz.
2. Der örtliche Turnverein: Eine riesige Fußgruppe aus Jugend- und Sportabteilungen, die beweist, wie athletisch man sich Richtung Festzelt bewegen kann.
3. Die traditionsreiche Schützengesellschaft: Die Schützenkönige funkeln im Sonnenlicht, schwer behängt mit historischen Ketten und Ehrenzeichen.
4. Der lokale Ruderclub: Haben ihr geschmücktes Trainingsboot kurzerhand auf den Anhänger geladen. Trockenrudern auf höchstem Niveau.
5. Der heimische Fischereiverein: Fußgruppe mit Zunftzeichen und historischen Netzen – auf der Jagd nach dem besten Platz im Zelt.
6. Die regionalen Rettungskräfte: Die Helfer in der Not, heute im fröhlichen Marschmodus samt ihrer engagierten Jugendabteilung.
7. Das Technische Hilfswerk: Die Jugendgruppe flankiert einen glänzenden, historischen Gerätekraftwagen, der sanft durch die Gassen rollt.
8. Der lokale Carneval-Club: Die Fastnachter im sommerlichen Zivilgewand auf ihrem Festwagen. Sie können eben auch im August nicht ohne Heiterkeit.
9. Der Krieger- und Kameradenverein: Traditionsgruppe mit schwerer, historischer Fahnenabordnung und festem Schritt.
10. Ein Schifffahrts- und Fährverein: Ein liebevoll gestalteter Festwagen, der die geschichtsträchtige Mainschifffahrt feiert.
11. Die Jugendvertretung des städtischen Jugendzentrums: Die bunte, moderne Fraktion, die zeigt, dass die Messe auch bei der nächsten Generation in sicheren Händen ist.
12. Ein regionaler Wander- und Naturschutzverein: Die Outdoor-Experten, die den Zugweg heute als charmante Kurzstrecke absolvieren.
13. Der regionale Winzerverband: Der krönende, flüssige Abschluss. Ihr Festwagen versprüht den Duft von feinstem Spätburgunder und bildet den perfekten, gleitenden Übergang direkt hinein in den messeseeligen Festplatz-Wahnsinn.
Stimmen vom Pflaster: Drei Perspektiven, ein Takt.
Mitten im Trubel fängt das Feuilleton die wahren Architekten dieser Feststimmung ein – ganz ohne Namensschilder, dafür mit umso mehr Herzblut:
* Die Musikerin (30, aus Miltenberg): „Wenn wir im Schwarzviertel anblasen und das Echo von den alten Balken zurückwirft, kriege ich jedes Mal Gänsehaut. Da vergisst man glatt, wie schwer die Tuba nach zwei Kilometern wird. Hauptsache, der Ansatz hält bis zur ersten Maß im Zelt!“
* Der Fotograf (71, aus Eichenbühl): „Ich stehe seit fünfzig Jahren am Schnatterloch. Das Licht bricht sich hier nachmittags perfekt. Die Jugend schimpft immer über mein schweres Teleobjektiv, aber wenn man das verschmitzte Lächeln eines Trachtenträgers im Kasten hat, weiß man: Heimat altert nicht, sie kriegt nur schärfere Konturen.“
* Die Dreifach-Mama (34, aus Großheubach): „Vom Engelplatz aus hatten wir letztes Jahr perfekte Sicht! Meine drei Knirpse standen in der ersten Reihe und haben so viel Bonbons abgestaubt, dass das zuckertechnisch eigentlich bis zum Brillantfeuerwerk am Sonntagabend reichen muss. Heuer geht’s nach dem Messeeinzug ab zum Riesenrad!“
Ein augenzwinkerndes Fazit: Die Diagnose lautet „Messefieber“.
Was bleibt als Resümee dieses fulminanten alljährlichen Auftakts? Die Region dürfte sich wieder einmal selbst übertreffen und beweisen, dass organisierter Frohsinn eine hochpräzise Wissenschaft ist. Die schiere farbenprächtige Vielfalt der Gewänder, gepaart mit einer fast schon olympischen Dichte an Blasmusik, zeigt: Regionaler Stolz braucht keine großen Reden, er braucht einen guten Takt und ein griffiges Glas.
Diese kollektive gute Laune ist kein Strohfeuer. Sie ist das stabile Fundament für die kommenden Festtage.
Das bunte Treiben, das heute so spektakulär durch die Altstadt schwappen wird, verlagert sich sicherlich nahtlos auf den Festplatz am Main. Dort wird der kollektive Ausnahmezustand der Region konserviert, weitergetragen, durch Karussells geschüttelt und im Bierzelt besungen – Tag für Tag, Maß für Maß, bis das große, traditionelle Abschluss-Feuerwerk den Nachthimmel zum Leuchten bringt und uns sanft wieder in die Realität entlässt. Bis dahin gilt: Durchhalten, mitschunkeln und bloß nicht den Takt verlieren!
Der messereife Ausklang: Auf zur Michelsmess! Am besten täglich! Eigene Bildergalerie mit Reportage und Interviews folgen noch !
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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