Bildergalerie und Essay.
Erlenbacher Pilger zu Gast in Walldürn.
- Erlenbacher Musikerinnen und Musiker auf Wallfahrt in Walldürn
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Blutschrein – Bewegung – Begegnung.
Erlenbach am Main / Walldürn. Der Dreifaltigkeitstag in Walldürn beginnt wie ein langsamer Herzschlag, der sich durch die Basilika zieht, bis die feierliche Öffnung des Blutschreins den Raum mit einer Stille füllt, die zugleich alt und jung wirkt.
Als Offizial Thorsten Weil aus Freiburg den Blutschrein öffnet, verdichtet sich der Moment zu einem sichtbaren Zeichen: Geschichte wird Gegenwart. Zwischen den vielen Pilgern fallen in diesem Jahr besonders die jungen Gesichter auf, die sich neugierig, wach und fast ein wenig ehrfürchtig nach vorne drängen.
Die Erlenbacher Gruppe, zu Gast mit Musikkapelle, bringt nicht nur Klang, sondern auch jugendliche Energie mit, die sich wie ein heller Faden durch die Prozession zieht. Man spürt, dass hier etwas geschieht, das nicht nur Tradition ist, sondern Gegenwart.
Der Freiburger Offizial Thorsten Weil, dessen Predigt an diesem Tag wie ein Resonanzraum für die jungen Zuhörer wirkt, spricht davon, dass die Dreifaltigkeit kein fernes Dogma sei, sondern eine Einladung, Beziehungen zu wagen. Er nennt sie „Gottes Bewegung auf den Menschen zu“, und gerade die Jugendlichen scheinen diese Bewegung zu spüren.
Einige stehen nach dem Gottesdienst noch lange vor der Basilika, reden leise, lachen zwischendurch, werden dann wieder ernst. Einer von ihnen sagt, er sei zum ersten Mal hier und habe eigentlich nicht viel erwartet, „aber irgendwas hat mich getroffen“. Eine junge Frau aus Erlenbach meint, sie komme, weil sie hier „eine Art Ruhe findet, die man sonst nirgends bekommt“.
Diese Stimmen verweben sich mit einem größeren Bild, das weit über Walldürn hinausreicht. In Frankreich füllen junge Christinnen und Christen wieder Kirchen, organisieren nächtliche Gebetszeiten, suchen nach Formen, die ihnen entsprechen. In den USA entstehen Youth Baptisms, spontane Taufen junger Menschen, die zeigen, dass Glauben für viele wieder eine Option ist – nicht als Pflicht, sondern als Entscheidung. Diese weltweite Bewegung wirkt wie ein Echo, das auch in Walldürn hörbar wird.
Ein Student sagt, er habe Videos aus Frankreich gesehen und gedacht: „Wenn die das können, warum nicht wir.“
Thorsten Weil greift genau diese Sehnsucht auf, wenn er davon spricht, dass Wallfahrt heute nicht aus Tradition allein geschieht, sondern aus einem inneren Drang, dem eigenen Leben Tiefe zu geben. Pilgern sei ein Gegenentwurf zur Oberflächlichkeit, ein Schritt aus der ständigen Ablenkung heraus. Die Jugendlichen nicken, manche kaum sichtbar, aber doch spürbar. Es ist, als würde die Predigt ihnen einen Raum öffnen, in dem sie sich selbst wiederfinden können.
Die Erlenbacher Musikkapelle trägt diesen Moment weiter. Ihre Klänge verbinden die Generationen, ohne sie zu vermischen. Die Älteren gehen mit der Sicherheit vieler Jahre, die Jüngeren mit der Neugier eines Anfangs. Und doch entsteht ein gemeinsamer Rhythmus, der zeigt, dass Wallfahrt kein Relikt ist, sondern ein lebendiges Ritual, das sich immer wieder neu erfindet.
So vernetzt sich an diesem Dreifaltigkeitstag alles miteinander: diejahrhundertealte Tradition des Blutschreins, die jugendliche Suche nach Sinn, die weltweiten Bewegungen junger Christinnen und Christen, die Erlenbacher Musik und die Predigt von Offizial Thorsten Weil, die all dies in Worte fasst. Walldürn wird zu einem Ort, an dem junge Menschen nicht nur Zuschauer sind, sondern Teil einer Geschichte, die weitergeht.
Roland Schönmüller
Nachtrag:
Walldürn, Dreifaltigkeitssonntag. Während die Erlenbacher Musikkapelle vor dem Blutschrein ihre letzten Akkorde ausklingen lässt und die Pilger sich langsam in den Schatten der Linden zurückziehen, öffnet sich der Blick auf eine Bewegung, die weit über den Odenwald hinausreicht. Sie kommt leise daher, fast unbemerkt, und doch verändert sie die religiöse Landschaft Europas und Amerikas: Jugendliche und junge Erwachsene, die wieder nach Sinn suchen, nach Halt, nach einem Ort, an dem Fragen nicht peinlich sind und Zweifel nicht stören, sondern dazugehören.
In Frankreich ist dieser Aufbruch inzwischen sichtbar wie ein heller Streifen am Morgenhimmel. Junge Menschen, viele von ihnen ohne religiöse Sozialisation, treten an die Kirchentüren, als würden sie einen Raum betreten, den sie lange nur aus Erzählungen kannten. Die Bischofskonferenz spricht von einem deutlichen Anstieg an Erwachsenentaufen, und ein großer Teil dieser neuen Katechumenen ist kaum älter als die Musikerinnen und Musiker, die heute in Walldürn ihre Instrumente tragen. Man spürt, dass hier eine Generation unterwegs ist, die nicht aus Gewohnheit kommt, sondern aus Entscheidung. Sie sucht Gemeinschaft, Verlässlichkeit, ein Gegenüber, das nicht sofort verschwindet, wenn es schwierig wird.
Auch in den USA zeigt sich ein ähnlicher Ton, wenn auch in einer anderen Melodie. Dort ist die religiöse Landschaft vielfältiger, zersplitterter, aber gerade in dieser Vielfalt finden junge Erwachsene wieder Anknüpfungspunkte. Universitätskirchen berichten von Taufanfragen, die aus persönlichen Begegnungen entstehen, aus Gesprächen nach Veranstaltungen, aus Momenten, in denen jemand merkt, dass Glaube mehr sein kann als ein kulturelles Etikett. Es ist kein Massenphänomen, aber ein ernsthaftes. Ein stilles Wiederentdecken.
Diese Entwicklungen bilden den Hintergrund für das, was sich heute in Walldürn zeigt. Die jungen Pilgerinnen und Pilger aus Erlenbach, die Ministranten aus den umliegenden Gemeinden, die Jugendlichen, die nach der Messe noch lange auf den Stufen des Basilikavorplatzes sitzen und über die Predigt des Freiburger Offizials sprechen. Er hatte davon erzählt, dass Glaube kein Besitz sei, sondern ein Weg, der immer wieder neu beginnt. Dass Gott nicht in fertigen Antworten wohnt, sondern im Mut, sich auf den nächsten Schritt einzulassen.
Vielleicht ist es genau das, was die Jugend in Frankreich und den USA gerade anzieht. Nicht die Institution, nicht die Tradition allein, sondern die Erfahrung, dass Glaube ein Angebot ist, kein Zwang. Ein Raum, in dem man atmen kann. Ein Ort, an dem man sich nicht erklären muss, sondern verstanden wird.
So fügt sich der Walldürner Dreifaltigkeitstag in ein größeres Bild ein. Die Pilgerzüge, die Musik, die Stille im Blutschrein, die Gespräche am Rand – all das wirkt wie ein Echo auf eine weltweite Bewegung, die noch keinen Namen hat, aber bereits eine Richtung. Eine Generation, die sich nicht abwendet, sondern neu hinschaut. Die nicht alles glaubt, aber vieles sucht. Und die in der Taufe, ob in Paris, Lyon, Chicago oder hier im Odenwald, einen Schritt sieht, der nicht rückwärts führt, sondern nach vorn.
Wenn am Abend die letzten Busse abfahren und die Basilika wieder zur Ruhe kommt, bleibt dieser Eindruck zurück: dass Walldürn nicht nur ein Ort der Tradition ist, sondern auch ein Ort der Zukunft. Und dass die Jugend, die heute hier war, Teil einer Bewegung ist, die größer ist als ein Festtag und weiter reicht als ein Pilgerweg.
Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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