Bildergalerie und Essay.
Juni im Odenwald- erste Impressionen.
- Fast wie im Märchen
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Zwischen Amorbach‑Reichartshausen und dem Wald, dort, wo der Odenwald seine Hügel sanft an die Geschichte lehnt, steht die Sankt‑Mauritius‑Kirche. Ein Bau, der noch den Atem des Mittelalters in seinen Mauern trägt, einst von der Dürner Herrscherfamilie gestiftet, als Glaubenszeichen und Machtsymbol zugleich. Heute aber scheint ein anderes, leiseres Zeichen diesen Ort zu beherrschen.
Unweit des Gotteshauses, ein paar Schritte weiter, hat die Zeit sich einen alten, aber heute sehr gepflegt wirkenden Stall einverleibt. Das Dach ist modern mit Solar-Anlagen ausgestattet, die Balken haben das Strammstehen nicht verlernt, der Buntsandstein erzählt Geschichte von anno dazumal. Man sieht, dass hier gearbeitet und gelebt wurde und noch wird – und dass aber so manches an Gerätschaften fast in jenes große Archiv des Vergessens übergegangen ist, das die Landschaft so gnädig überdeckt.
Doch wo der Mensch heute sich anderen Aufgaben und Herausforderungen stellt, tritt die Natur auf. Unweit der Stelle, an der früher vielleicht ein Torflügel knarrte oder ein Heuballen lehnte, hat sich ein Rosenstrauch in Szene gesetzt. Nicht bescheiden, nicht schüchtern, sondern mit einer Geste, die fast an Inszenierung grenzt: herzförmig wächst er, als hätte eine unsichtbare Hand ihn in diese Form gelenkt. Die Zweige biegen sich in einem sanften Schwung, die Blüten drängen sich dicht an dicht, üppig, satt, in jenem Rot, das zwischen Leidenschaft und Andacht oszilliert.
Es ist, als hätte die Natur beschlossen, an diesem unscheinbaren Winkel ein stilles Liebeszeichen zu hinterlassen. Kein Kitsch, kein Postkartenmotiv, sondern ein organisch gewachsenes Symbol, das sich dem Betrachter erst auf den zweiten Blick erschließt. Wer vorbeigeht, mag zunächst nur „eine Rose“ sehen. Wer stehenbleibt, wer hinschaut, erkennt das Herz – und vielleicht auch die stille Poesie, die darin liegt, dass ausgerechnet hier, im Schatten einer mittelalterlichen Kirche, ein solches Zeichen entsteht.
Der alte Stall, längst der Zeit ergeben, wirkt daneben wie ein Statist, der seine Rolle erfüllt hat. Die Bretter, die einst Lasten trugen, tragen vereinzelt nun nur noch Moos und Schatten. Die Mauern, die Tiere schützten, schützen heute nur noch die Erinnerung. Und mitten in dieser Kulisse, die vom Vergehen erzählt, behauptet der Rosenstrauch das Gegenteil: das Weitergehen, das Wiederkehren, das Sich‑Erneuern.
So entsteht ein leiser Dialog zwischen Stein und Blüte, zwischen Geschichte und Gegenwart. Die Sankt‑Mauritius‑Kirche, von den Dürnern einst als Monument gesetzt, steht für das Dauerhafte, das Überlieferte. Der Stall steht für das Vergängliche, das Gebrauchswert hatte und dann verschwand. Die Rose aber steht für das Unerwartete: für jene Momente, in denen die Welt, ohne großes Aufhebens, ein Symbol in die Landschaft schreibt.
Wer hier verweilt, spürt vielleicht, dass dieser Ort mehr ist als eine hübsche Szenerie. Das herzförmige Blütengebilde wirkt wie eine stille Widmung – an die, die hier lebten, arbeiteten, beteten, liebten. An die, die vorbeikommen und sich berühren lassen. An die, die glauben möchten, dass es Zeichen gibt, die nicht von Menschenhand gemacht sind.
Gesehen in Amorbach‑Reichartshausen im Odenwald, festgehalten in einem Moment zwischen Verfall und Blüte, zwischen Geschichte und Gegenwart. Angefügt sind weitere Bilder aus der Umgebung zum sonnigen Juni-Start.
Fotos Roland Schönmüller.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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