Bildergalerie und Essay.
Himmel, Heimat, Herrentag.

Vierzig Tage nach Ostern feiert das Christentum die Himmelfahrt Jesu, also nicht einen senkrechten Transportvorgang in meteorologische Höhen, sondern den Eintritt Christi in die göttliche Herrlichkeit, wie es die Theologie mit wohlerzogener Präzision formuliert. 

Die Wolke steht dabei nicht für schlechtes Wanderwetter, sondern für das Verhüllende und Heilige, für jene Grenze, an der der Mensch ahnt, dass sich nicht alles vermessen, fotografieren oder in einen Kalender mit Brückentags-Pfeil eintragen lässt. Erst seit der Spätantike wurde das Fest als eigener Feiertag profiliert. Später kam in deutschen Landen die volkstümliche Parallelspur hinzu, deren bekanntestes Gefährt eben nicht der Weihrauchkessel, sondern der Bollerwagen wurde.
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  • Vierzig Tage nach Ostern feiert das Christentum die Himmelfahrt Jesu, also nicht einen senkrechten Transportvorgang in meteorologische Höhen, sondern den Eintritt Christi in die göttliche Herrlichkeit, wie es die Theologie mit wohlerzogener Präzision formuliert.

    Die Wolke steht dabei nicht für schlechtes Wanderwetter, sondern für das Verhüllende und Heilige, für jene Grenze, an der der Mensch ahnt, dass sich nicht alles vermessen, fotografieren oder in einen Kalender mit Brückentags-Pfeil eintragen lässt. Erst seit der Spätantike wurde das Fest als eigener Feiertag profiliert. Später kam in deutschen Landen die volkstümliche Parallelspur hinzu, deren bekanntestes Gefährt eben nicht der Weihrauchkessel, sondern der Bollerwagen wurde.
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Es gibt Feiertage, die treten geschniegelt auf, geschniegelt wie ein Kirchenchor auf Ausflug, und es gibt Feiertage, die erscheinen mit Kordhose, Kinderwagen und einem Bollerwagen, dessen Inventar theologischen Feinprüfungen selten standhält.

Christi Himmelfahrt und Vatertag gehören, in Deutschland zumal, zu jener eigentümlichen Doppelfeier, in der sich Hochfest und Halbliter, Apostelgeschichte und Ausflugslust, Wolkensymbolik und Wegbier auf mitunter rührende, mitunter rumpelige Weise begegnen.

Vierzig Tage nach Ostern feiert das Christentum die Himmelfahrt Jesu, also nicht einen senkrechten Transportvorgang in meteorologische Höhen, sondern den Eintritt Christi in die göttliche Herrlichkeit, wie es die Theologie mit wohlerzogener Präzision formuliert.

Die Wolke steht dabei nicht für schlechtes Wanderwetter, sondern für das Verhüllende und Heilige, für jene Grenze, an der der Mensch ahnt, dass sich nicht alles vermessen, fotografieren oder in einen Kalender mit Brückentags-Pfeil eintragen lässt. Erst seit der Spätantike wurde das Fest als eigener Feiertag profiliert. Später kam in deutschen Landen die volkstümliche Parallelspur hinzu, deren bekanntestes Gefährt eben nicht der Weihrauchkessel, sondern der Bollerwagen wurde.

Volkskundlich ist diese Verbindung von Himmel und Herrenrunde ein kleines Wunder der Kulturgeschichte. Aus Flurumgängen, Bittprozessionen und religiös grundierten Wegen durch Feld, Wald und Weinberg entwickelte sich über Jahrhunderte jene eigens deutsche Mischform, in der nicht nur Väter, sondern überhaupt Männer auszogen, um Gemeinschaft, Freiheit und gelegentlich Übermut zu erproben.

Man kann das milde belächeln, man kann es streng kritisieren, man kann aber auch erkennen, dass im Brauchtum häufig mehrere Zeiten gleichzeitig spazieren gehen: die fromme Bitte um Ernte, die Freude am Draußensein, das Bedürfnis nach männerbündischer Selbstversicherung und der Wunsch, einmal nicht zu funktionieren, sondern einfach den Hügel hinaufzuschwanken, solange die Schwerkraft mitspielt.
Der volkstümliche Vatertag ist daher weniger ein klar umrissener Ehrentag der Väter als ein Spiegel sozialer Rollenbilder. Gerade darin wird er soziologisch interessant: Er verrät, wie eine Gesellschaft Männlichkeit aufführt, wie sie Fürsorge verteilt und wie lange sie geglaubt hat, ein Mann sei am authentischsten, wenn er schweigend in die Landschaft schaut oder lautstark an ihr vorbeizieht.

Nun gehört es zur Ehrlichkeit eines zeitgenössischen Essays, dass er beim Anblick des berühmten Leiterwagens nicht bloß in Folklore schwelgt. Gesundheitlich ist der Tag nämlich ein Januskopf: Wer wandert, atmet, lacht, steigt, schaut und ein ordentliches Vesper teilt, tut sich sichtbar etwas Gutes; wer ihn allerdings als olympische Disziplin im Dauertrinken missversteht, landet rasch in jener Zone, in der der Feiertag seine Heiterkeit verliert und nur noch Kopfschmerz, Kontrollverlust oder Gefahr übrig bleiben.

Ein suchtpräventiver Blick ist deshalb keine Spaßbremse, sondern eine Art liebevolle Wegmarke. Er erinnert daran, dass Gemeinschaft kein Promille braucht, Kinder sehr genau beobachten, was Erwachsene unter "Feiern" verstehen, und Freiheit an Feiertagen am schönsten ist, wenn am Ende alle heil heimkommen.
Vielleicht wäre überhaupt dies die modernste Symbolik des Tages: nicht der Vater als seltenes Exemplar auf Herrentour, sondern der Mensch als Beziehungswesen, das sich selbst, seine Familie und seine Freunde weder überfordert noch überschätzt.

Wer also an Christi Himmelfahrt nicht nur unter Vätern, sondern mit der Familie unterwegs sein möchte, hat im Raum Miltenberg und drum herum das schönere Los gezogen, als jeder Bollerwagen ahnt.
Der Kohlgrund bei Eichenbühl empfiehlt sich als Spazier- und Wanderschule des genauen Hinsehens: Wege durch stilles Grün, Buntsandstein, Wiesen, Wasserstellen und jene angenehm unaufgeregte Landschaftsdramaturgie, die Kindern Raum für Entdeckungen und Erwachsenen Raum für Gedanken lässt. Der offiziell beschriebene Hölle-Weg gilt als moderate Runde von gut sieben bis knapp acht Kilometern; wer familienfreundlich dosieren will, kann daraus kürzere Abschnitte machen und mehr schauen als schaffen.
Am Busigberg bei Großheubach belohnt der Aufstieg mit jenem Ausblick ins Maintal, der selbst notorische Handyfotografen für einen Moment zu stillen Andächtigen macht.

Und die Haags-Aussicht bei Miltenberg wiederum zeigt, wie rasch man aus dem Alltag in ein kleines Panorama geraten kann: ein gangbarer Weg, ein schöner Blick, dazu geschichtliche Nachbarschaft mit Limes und Landschaft, also genau jene Mischung, die einen Familienausflug klüger macht, ohne ihn schulmeisterlich werden zu lassen.

Wie so ein Tag dann wirklich klingt, erfährt man ohnehin nicht aus der Liturgie allein und auch nicht aus dem Getränkemarktprospekt, sondern aus Stimmen. Ein elfjähriges Schulkind aus Bürgstadt sagte mit jener schönen Schlichtheit, die Erwachsenen oft fehlt, Himmelfahrt sei "eigentlich cool, weil man was über Jesus hören kann und dann trotzdem draußen ist; und wenn die Großen nicht nur herumlärmen, ist es fast wie ein extra Sonntag mit Aussicht".

Ein Siebzehnjähriger aus Amorbach klang schon analytischer und zugleich entlarvend modern: "Ich finde es seltsam, wenn Leute dauernd von Familie reden und dann feiern, als gäbe es die gar nicht. Entweder es ist Vatertag, dann sollten Väter auch als Väter sichtbar sein, oder es ist Herrentag, dann soll man wenigstens ehrlich sein." Ein einunddreißigjähriger Mann aus Eichenbühl meinte trocken, der Kohlgrund lehre Demut, "spätestens am ersten Anstieg", und fügte hinzu, ein Feiertag ohne Kater sei unterschätzt.

Eine dreißigjährige Frau aus Walldürn bekannte, sie möge an dem Tag besonders, "dass man niemandem erklären muss, warum ein gemeinsamer Spaziergang mit Brotzeit oft mehr Erholung bringt als jede Event-Idee".
Ein einundsiebzigjähriger Senior aus Obernburg erinnerte sich noch an Zeiten, in denen Männerausflüge rauer und Rückwege krummer gewesen seien; heute wünsche er sich "mehr Beine in Bewegung und weniger Bier in Bewegung".
Eine neunundsechzigjährige Seniorin aus Mömlingen sagte in schönem Volkskundeton, Bräuche seien nur dann etwas wert, "wenn hinterher keiner ausgeschlossen ist, weder die Frauen noch die Enkel noch die Vernunft".

Ein zweiundfünfzigjähriger Familienvater aus Wertheim brachte das Dilemma des Tages auf den Punkt: "Zwischen Grillzange und Glaubensfrage passt erstaunlich gut ein Wanderschuh." Und eine fünfzigjährige Mutter aus Bestenheid bemerkte mit jener stillen Präzision, die jeder Gesellschaftsanalyse gut täte, der beste Vatertag sei der, an dem hinterher nicht eine Person alles aufräume, während die anderen ihre Freiheit ausschlafen.

So bleibt Christi Himmelfahrt mit Vatertag ein deutscher Feiertag von eigensinniger Poesie: oben die Wolke, unten der Wanderweg; hier die Verheißung, dort die Vespertüte; auf der einen Seite die uralte Frage nach Himmel und Sinn, auf der anderen die ganz irdische, wer die Trinkflasche eingepackt hat.

Vielleicht muss man ihn gerade deshalb weder verdammen noch verklären, sondern klug begehen. Mit Humor, mit Rücksicht, mit offenen Augen für Landschaft und Leute, mit ein wenig kulturgeschichtlichem Taktgefühl und mit der erfreulich nüchternen Einsicht, dass ein Tag nicht an Lautstärke gewinnt, wenn er an Bedeutung verlieren soll. Wer dann im Kohlgrund, am Busigberg oder an der Haags-Aussicht unterwegs ist, merkt womöglich: Der schönste Aufstieg an Himmelfahrt ist nicht der zum Himmel, sondern der aus der Gewohnheit heraus.

Roland Schönmüller

Autor:

Roland Schönmüller aus Miltenberg

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