Bildergalerie und Essay.
September, Schule, Schwalbenzug.
- Draußen spannte sich der blauseidene Himmel über Dächer, Weinberge, Gärten und Felder. Der September konnte dabei erstaunlich höflich sein: Er nahm dem Sommer die Jacke ab, legte dem Herbst aber noch keinen Mantel um. „Der September ist der Mai des Herbstes“ – das klingt wie ein Satz aus einem Poesiealbum, ist aber im Kern eine meteorologische Liebeserklärung.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Der September ist der Mai des Herbstes“ . Das klingt wie ein Satz aus einem Poesiealbum, ist aber im Kern eine meteorologische Liebeserklärung.
Der September war in der 1960er und 1970er Jahre kein Monat, der einfach im Kalender stand. Er trat auf wie ein etwas strenger, aber gut gekleideter Hausmeister des Jahres: mit Schlüsselbund, Stundenplan und einem Himmel, der so blau war, als hätte ihn jemand frisch gebügelt.
Die letzten Sommerferientage lagen noch warm auf der Haut, doch im Hintergrund raschelten bereits Hefte, Umschläge und Bleistifte. Man ging zum Einkauf der Schulmaterialien, als handle es sich um eine Expedition in ein fernes Bildungsreich: Lineal, Zirkel, Füllerpatronen, Zeichenblock – alles musste stimmen, denn wer weiß, ob nicht schon der erste Rechtschreibfehler an einem falsch beschrifteten Heft lag.
Dann kam der Schulbeginn mit Anfangsgottesdienst, jenem feierlichen Auftakt, bei dem selbst die Unruhigsten für einige Minuten den Eindruck erweckten, sie hätten über den Sinn des Lebens nachgedacht.
Danach begann das große Wiedersehen mit der Schulfamilie. Einige Mitschüler waren über den Sommer gewachsen, andere nur bräuner geworden, und manche hatten offenbar beschlossen, ab jetzt eine neue Frisur als pädagogisches Statement zu tragen. Die neuen Lehrer wurden mit vorsichtiger Neugier betrachtet: Waren sie streng? Gerecht? Humorvoll? Oder gehörten sie zu jener ehrwürdigen Sorte, die Kreide nicht benutzte, sondern zelebrierte?
Die ersten Schultage im September hatten trotz aller Pflichten einen eigenen Zauber. Neue Schulbücher rochen nach Druckerschwärze, Zukunft und ein wenig nach Überforderung. Zu Hause wurden sie eingebunden, als seien es wertvolle Kulturgüter, und die ersten Hausaufgaben lagen bald auf dem Küchentisch.
Draußen spannte sich der blauseidene Himmel über Dächer, Weinberge, Gärten und Felder. Der September konnte dabei erstaunlich höflich sein: Er nahm dem Sommer die Jacke ab, legte dem Herbst aber noch keinen Mantel um. „Der September ist der Mai des Herbstes“ – das klingt wie ein Satz aus einem Poesiealbum, ist aber im Kern eine meteorologische Liebeserklärung.
Auf dem Land zeigte der Monat, was er konnte. In den Weinbergen begann die Lese, im Garten hielten die letzten Früchte Audienzen, und auf den Feldern blieb der würzige Duft von Erde, Stroh und Arbeit zurück. Familien sammelten Getreidehalme für die Erntekrone zum Erntedankfest, als seien sie kleine Hofbeamte im Dienst der Jahreszeiten.
Gänsehüten gehörte ebenso dazu wie Wanderungen durch lichte Wälder, in denen sich die ersten Pilze zeigten – jene stillen Gesellen, die immer so tun, als hätten sie längst gewusst, dass der Herbst kommt. An den Hecken gab es Brombeeren, Schlehen wurden gesammelt, und irgendwo setzte jemand Schlehenwein an, dieses geduldige Getränk für Menschen, die wissen, dass Zeit eine Zutat ist.
Auch die Kirche und die Kultur meldeten sich aus der Sommerpause zurück. Mariä Geburt, St. Michael, Patronatsfeste und Kirchweihen standen im Kalender und gaben dem Leben jenen Rhythmus, der zwischen Glockenklang, Bratenduft und Blasmusik zuverlässig funktionierte.
In Stadt und Land begannen wieder Veranstaltungen, bei denen man sich traf, bevor man wusste, dass man sich treffen wollte. Der Herbst brachte nicht nur Nebel und Nüsse, sondern auch Programme, Einladungen und das leise Gefühl: Jetzt wird wieder ernsthaft gefeiert.
Und über allem saßen die Schwalben auf Drähten und Dächern wie kleine Reisegesellschaften vor dem Abflug. Sie sammelten sich, stritten vielleicht noch über die Route und machten sich dann auf den Weg nach Süden. Die Stoppelfelder wurden stiller, die Abende kühler, und doch blieb im September ein letzter goldener Überschuss. Er war nie bloß Übergang. Er war eine Schwelle mit Aussicht: zurück in die Ferien, vorwärts in die Schule, hinaus in die Felder, hinein in den Herbst.
Fazit: September – der erste Monat mit „r“
Und dann ist da noch das kleine „r“, dieser unscheinbare Buchstabe mit kulinarischer Autorität. Mit dem September beginnt die Reihe der Monate, in denen traditionell Karpfen auf den Tisch kommt: September bis April. In Bayern, besonders in Franken, ist das mehr als eine Speiseregel; es ist ein saisonaler Wink mit der Gräte. Wer im September Karpfen isst, erklärt stillschweigend: Der Sommer mag schön gewesen sein, aber jetzt wird es ernst – und knusprig.
Die Bauernregeln lieferten dazu den Kommentar aus einer Zeit, in der Wetterbericht und Weltanschauung noch enger verwandt waren. „Am Septemberregen ist dem Bauern gelegen“, heißt es nüchtern und vernünftig. „Ist Ägidi ein heller Tag, ich dir einen schönen Herbst ansag“, klingt schon beinahe wie freundliche Lebensberatung.
Und wenn um Mariä Geburt die Schwalben fortfliegen, dann weiß auch der letzte Ferienfreund: Der Süden ruft, die Schule ebenso. So bleibt der September jener Monat, der mit blauseidenem Himmel lächelt, an unerledigte Hausaufgaben erinnert, mit Pilzen lockt, mit Kirchweihen winkt und am Ende beweist:
Der Herbst beginnt selten mit einem Paukenschlag – eher mit einem frisch eingeschlagenen Heft, einem Korb voller Früchte und einem Karpfen auf der Speisekarte.
Roland Schönmüller (Text und Fotos)
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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