Bildergalerie und Essay.
Vom Zauber eines alltäglichen Anfangs.
- Vielleicht ist das die wahre Magie des Mai:
dass er uns für einen Moment glauben lässt, die Welt sei nicht nur erklärbar, sondern auch verzauberbar.
Dass jeder Schritt ein leises Klingen auslöst.
Dass jeder Atemzug ein Versprechen trägt.
Dass jeder Morgen ein Märchen sein könnte, wenn wir ihn nur lange genug anschauen. - hochgeladen von Roland Schönmüller
Mai-Morgen-Magie – ein Essay.
Der Mai betritt den Tag nicht, er schwebt hinein.
Noch ehe ein Vogel sich räuspert, liegt über den Wiesen eine Traumhaut, dünn wie Atem, silbrig wie ein vergessenes Märchen. Es ist diese Stunde, in der die Welt so tut, als sei sie noch nicht ganz wach – und gerade deshalb am wahrhaftigsten.
Man meint, die Landschaft habe über Nacht ein geheimes Abkommen mit der Fantasie geschlossen.
Die Gräser stehen wie kleine Hofdamen Spalier, jede Tautropfenperle ein winziger Spiegel, in dem sich die Sonne schon einmal probelächelt. Zwischen den Halmen huschen Gestalten, die man nur sieht, wenn man nicht nach ihnen sucht: ein Schatten, der zu leicht ist für einen Schatten; ein Flüstern, das zu melodisch ist für Wind; ein Glitzern, das sich nicht erklären will.
Der Mai liebt das En miniature.
Er erzählt seine Geschichten nicht in großen Gesten, sondern in winzigen Wundern:
ein Falter, der aussieht, als sei er aus Morgenlicht gefaltet;
ein Vogelruf, der wie ein verlorener Zauberspruch klingt;
ein Duft, der aus dem Nichts auftaucht und sofort wieder verschwindet, als hätte er sich geirrt.
Und doch ist alles durchzogen von einer stillen Gewissheit:
Jetzt beginnt etwas.
Etwas Leichtes, etwas Schwebendes, etwas, das sich nicht festhalten lässt, aber Spuren hinterlässt wie ein Traum, der beim Erwachen noch warm ist.
Der Mai-Morgen ist ein Reich, in dem die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit dünner sind als die Haut eines Apfels. Man geht hindurch wie durch ein Tor, das sich nur einmal am Tag öffnet. Hinter diesem Tor stehen die kleinen Zauberwesen des Alltags bereit – nicht als Figuren aus alten Sagen, sondern als Stimmungen, die sich an die Fersen heften: ein Anflug von Mut, ein Funken Übermut, ein Hauch von Hoffnung, der nach frischem Grün riecht.
Vielleicht ist das die wahre Magie des Mai:
dass er uns für einen Moment glauben lässt, die Welt sei nicht nur erklärbar, sondern auch verzauberbar.
Dass jeder Schritt ein leises Klingen auslöst.
Dass jeder Atemzug ein Versprechen trägt.
Dass jeder Morgen ein Märchen sein könnte, wenn wir ihn nur lange genug anschauen.
Und so geht man weiter, begleitet von unsichtbaren Gefährten, die sich im Licht auflösen, sobald der Tag lauter wird. Doch ihr Zauber bleibt – als feiner Schimmer auf der Haut, als Ahnung im Herzen, als Erinnerung daran, dass selbst die nüchternste Welt jeden Mai ein kleines Wunder wagt.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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