Bildergalerie und Essay.
Wo der Biber erst nach dem Kaffee aufsteht.
- Während der deutsche Handwerker pünktlich um sieben Uhr morgens die Kreissäge anwirft, kommt die Biber-Belegschaft erst am späten Nachmittag so richtig in die Gänge. Vorher wird der Herbst konsequent verschlafen. Man munkelt, die Tiere warten schlicht, bis die Tagestouristen die besten Uferplätze geräumt haben.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Großheubach. Wer den perfekten Ort sucht, um dem rasenden Stillstand der Moderne zu entkommen, der steuere im Frühherbst das unterfränkische Großheubach am Main an.
Genauer gesagt: das Mainufer auf Höhe des Lunaparks. Man flaniert vorbei an stolzen, frisch gesetzten Baum-Neupflanzungen – den schattenspendenden Versprechen für die Sommer von morgen, die heute noch etwas staksig in der Landschaft stehen – und sinkt auf eine der einladenden, geschwungenen Sitzgelegenheiten.
Diese Holzbänke sind ergonomische Meisterwerke, strategisch so platziert, dass man den Bauch einziehen und den Blick über das glitzernde Band des Flusses hinüber nach Kleinheubach schweifen lassen kann.
Es ist ein Panorama wie aus einem sorgfältig kolorierten Postkarten-Idyll des letzten Jahrhunderts. Motive tun sich auf, bei denen man unweigerlich meint, die Zeit sei einfach stehengeblieben – oder habe zumindest beschlossen, hier ein ausgedehntes Nickerchen zu machen.
Majestätisch wacht die alte Kleinheubacher Pfarrkirche St. Martin über das Tal und grüßt St. Peter in Großheubach auf der anderen Mainseite, während auf dem Wasser die wahre Prominenz des Flusses paradiert: Heerscharen von Enten und lautstarken Nilgänsen.
Letztere regieren das Ufer wie eine gefiederte Adelsdynastie im permanenten Liebes- und Revierstreit und zeigen sich von der menschlichen Anwesenheit ungefähr so beeindruckt wie ein Türsteher von einem falschen Ausweis.
Das Ufer selbst ist eine lebendige Verkehrsader der puren, bisweilen abenteuerlichen Lebensfreude. Auf dem perfekt ausgebauten Rad- und Fußweg herrscht ein friedliches, fast schon demokratisches Miteinander, das tägliche logistische Wunder vollbringt.
Ambitionierte Rennradler in aerodynamischer Ganzkörper-Funktionswäsche – optisch irgendwo zwischen Superheld und Presswurst – teilen sich den Asphalt mit lautlosen Cityrollern, tiefenentspannten Wanderern in sandfarbenen Outdoor-Westen und fröhlichen Familien.
Hier treffen sich Jung und Alt zum intergenerativen Slalomlauf. Decken werden ausgerollt, Tupperdosen klappern – das Mainufer ist der wohl schönste Picknickplatz der gesamten Region am Bayerischen Untermain.
Das kulinarische Fundament dafür ist glücklicherweise nur wenige Gehminuten entfernt, denn der Großheubacher an sich lässt den Feinschmecker nicht im Regen stehen.
In den gemütlichen Gaststätten, den traditionellen Bäckereien und der alteingesessenen Metzgerei holt man sich die perfekte, ehrliche Brotzeit.
Eingepackt in fettabweisendes Pergamentpapier wird der warme Leberkäse oder das frische Bauernbrot zum Sterne-Menü unter freiem Himmel. Und für die unvermeidlichen logistischen Naturnotwendigkeiten nach dem Genuss von drei Tassen Thermoskannen-Kaffee ist auch gesorgt:
Ein modern-praktisches, öffentliches WC befindet sich in beruhigender, fußläufiger Nachbarschaft. Ein unbesungener Held der kommunalen Infrastruktur!
Wer die Augen schließt, hört ihn: den weit entfernten Verkehrslärm der Bundesstraße. Er wirkt hier jedoch nicht störend, sondern wie das dumpfe, meditative Rauschen einer Welt, mit der man heute einfach nichts zu tun haben möchte – die da drüben im Stau, wir hier im Glück.
Viel näher ist das rhythmische Klopfen und saubere Gleiten auf dem Wasser. Junge Ruderinnen und Ruderer ziehen in ihren schmalen Booten flussaufwärts, die Muskeln angespannt, die Gesichter im hellen Frühherbstlicht, während die Trainerin vom linken Mainufer aus motivierende Zuneigung brüllt.
Direkt dahinter verweist der idyllische Campingplatz darauf, dass manche Menschen klug genug waren, ihr Zelt einfach dauerhaft in dieser Postkarte aufzuschlagen, um den Ruhestand mit Blick auf die Entenparade zu genießen.
Doch Großheubach wäre nicht Großheubach ohne seine kleinen, ökologischen Überraschungen. Wer genau hinsieht, entdeckt eine breite, unübersehbare Schleifspur, die vom einstigen Baggersee quer über die Wiese in Richtung Main führt.
Hier arbeitet ein echter Großheubacher Ureinwohner ohne Baugenehmigung: die lokale Biberfamilie. Allerdings leidet das fleißige Nagetier-Kollektiv unter einer ausgeprägten, fast schon sympathischen Chrono-Anomalie.
Während der deutsche Handwerker pünktlich um sieben Uhr morgens die Kreissäge anwirft, kommt die Biber-Belegschaft erst am späten Nachmittag so richtig in die Gänge. Vorher wird der Herbst konsequent verschlafen. Man munkelt, die Tiere warten schlicht, bis die Tagestouristen die besten Uferplätze geräumt haben.
Flankiert wird diese Szenerie von den Feldern und Gärten der Saison, die sich im kollektiven Endspurt befinden.
Noch nicht geernteter Mais steht wie eine mannshohe, grüne Wand am Wegesrand. Seine trockenen Blätter rascheln geheimnisvoll und wispern im sanften Herbstwind archaische Geschichten, die verdächtig nach „Wer hier durchläuft, verläuft sich“ klingen.
Gleich daneben präsentieren die liebevoll gepflegten Gärten der Anwohner stolz ihre Herbstfrüchte: pralle Kürbisse, die den Zaun sprengen wollen, tiefrote Äpfel und die letzten späten Trauben, die in der milden Oktobersonne so glänzen, als wüssten sie bereits, dass sie bald als edler Tropfen im Glas enden.
Am Lunapark in Großheubach verdichtet sich der Frühherbst zu einem Zustand purer, bayerisch-fränkischer Glückseligkeit. Es ist ein Ort, an dem der Mais raschelt, der Biber ausschläft und die Welt für ein paar Stunden genauso sein darf, wie sie vermutlich schon immer war: einfach herrlich unaufgeregt.
Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.