Mental Health
Nach Grau kommt Himmelblau: Thomas Reinbacher im Interview über Karriere, Depression und den Neuanfang
- Autor und Referent Dr. Thomas Reinbacher setzt sich heute aktiv für psychische Gesundheit ein.
- Foto: Thomas Reinbacher
- hochgeladen von Katja Bergmann
Vom NASA-Forscher und Google-Manager in die geschlossene Psychiatrie: Thomas Reinbacher spricht über den Preis der Leistungsgesellschaft, die Überwindung schwerer Depressionen und seinen Weg zurück ins Leben.
Stellen Sie sich bitte kurz vor
"Ich bin Thomas Reinbacher, promovierter Informatiker und Autor des Buches "Nach Grau kommt Himmelblau". In meinem Leben 1.0 ging es lange nur steil nach oben, ich war als Forscher bei der NASA und als Manager bei McKinsey, Amazon und Google tätig. Ich hatte alles. Traumjob, Traumfrau, Traumkind - bis ein schwerer psychischer Zusammenbruch durch Depression mein Leben völlig veränderte. Heute, in meinem Leben 2.0, widme ich mich als Autor und Keynote-Speaker der psychischen Gesundheit, um Stigmata abzubauen und anderen Mut zu machen. Ich lebe mit meiner Familie in München."
"Der Preis der Leistungsgesellschaft - Scheitern als Chance". Was möchten Sie dem Publikum dazu auf den Weg geben?
"Leistung ist wichtig, aber ohne Pausen und Selbstreflexion kann sie schnell in eine Sackgasse führen. Für mich war Scheitern eine unerwartete Chance, meine Werte zu hinterfragen und mein Leben neu auszurichten. Vor meiner psychischen Erkrankung lebte ich nach Werten wie „kompetent sein", „Großes erreichen", „Anerkennung", „Karriere" und „Perfektion" - die perfekte Beschreibung der Leistungsgesellschaft. Was ich nicht bemerkte, war, wie sich mein Leben verändert hatte: die Geburt meines Sohnes, die Firmengründung meiner Frau, ein fordernder Jobwechsel und viele weitere große Ereignisse. Während ich diesen Werten weiterhin hinterherlief, habe ich alles vernachlässigt, was mir persönlich guttut. Ich hatte keine Minute mehr für mich selbst. Ich schlitterte in die schwere Depression.
Diese Einsicht kam erst während meiner Therapie, in der die Auseinandersetzung mit meinen Werten eine zentrale Rolle spielte. Ich erkannte, dass meine alten Werte mich zwar erfolgreich gemacht, aber auch in die Erschöpfung getrieben hatten. Stattdessen fand ich gesündere Werte, die schon immer in mir schlummerten, aber keinen Raum fanden: „Kreativität", „Papa sein", „andere unterrichten", „tüfteln" und „Akzeptanz". Heute lebe ich nach diesen Werten - und fahre damit viel besser. Sie geben mir nicht nur Halt,
sondern auch echte Zufriedenheit. Diese zentrale Übung aus meiner Therapie habe ich gemeinsam mit einer Therapeutin weiterentwickelt und in das Kartenspiel 5 Werte ins Glück "umgesetzt."
Sie haben einige Zeit in einer psychiatrischen Einrichtung verbracht. Wie war Ihre Erfahrung?
"Die Psychiatrie hat mir das Leben gerettet. Ich war so voller Suizidgedanken, dass ich Ihnen dieses Interview heute vermutlich nicht geben könnte, wenn meine Frau mich nicht in die geschlossene Psychiatrie begleitet und mich dort einweisen lassen hätte. Während der Depression hatte die Krankheit mein Denken, Fühlen und Handeln vollständig übernommen. Was mir heute vollkommen unvorstellbar erscheint, war damals für mich die klare „Lösung": Nicht mehr da zu sein wäre das Beste für meine Familie. Natürlich ist das absoluter Unsinn, den ich heute nicht mehr nachvollziehen kann. Ich habe jetzt eine wundervolle Beziehung zu meinem Sohn und weiß, wie viel Schmerz ich meiner Familie damit zugefügt hätte.
Genau deshalb ist es mir so wichtig, dass Menschen wissen: Suizidgedanken sind ein Symptom schwerer Depression und müssen unbedingt ernst genommen werden, gerade von Angehörigen. Es ist besser, einmal zu oft Hilfe in einer Klinik zu suchen als einmal zu wenig. Ich habe insgesamt mehr als 200 Tage in psychiatrischen Einrichtungen verbracht. Diese Zeit hat mich nicht nur verändert, sondern auch geprägt. Vor allem die Schicksale meiner Mitpatienten haben mich tief berührt und mir eine neue Perspektive auf meine eigene Situation gegeben. Dass es mir heute wieder gut geht, sehe ich als Verantwortung. Nicht nur, um meine eigene Geschichte zu erzählen, sondern auch die vieler Menschen und Angehöriger, die mit Depressionen kämpfen. Eine aktuelle Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zeigt, dass in Deutschland 45 % aller Menschen entweder direkt als Betroffene oder indirekt als Angehörige von Depression betroffen sind (1). Und trotzdem reden wir immer noch viel zu wenig darüber. Das muss sich ändern - und dafür setze ich mich ein."
(1): https://www.deutsche-depressionshilfe.de/pressematerial-barometer-depression
Was würden Sie Ihren Geschlechtsgenossen mit auf den Weg geben?
"Depression ist keine Charakterschwäche, und es muss endlich normal werden, dass auch Männer über ihre psychische Gesundheit sprechen. Es sollte vollkommen in Ordnung sein, wenn Männer auch mal weinen, wenn es ihnen seelisch nicht gut geht. Gefühle zu zeigen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Mut. Darüber hinaus möchte ich betonen, dass es keine Schande ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist ein Zeichen von Stärke, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Ich würde mir wünschen, dass wir Männer uns gezielt den Raum geben, sich zu öffnen. Oft reicht es, Gespräche anders zu beginnen. Statt „Hey, alles gut?" könnten wir öfter fragen: Was beschäftigt dich denn gerade?" Solche Gespräche können Türen öffnen, die bisher verschlossen geblieben sind. Sich um die eigene mentale Gesundheit zu kümmern, ist das Beste, was Sie für sich und Ihre Familie tun können."
Leistung und Arbeitspensum sind in der Tech-Welt großgeschrieben. Wie kann man daran etwas ändern?
"Unternehmen müssen der mentalen Gesundheit noch viel stärker priorisieren. Gerade in der Tech-Branche, wo der Wettbewerb um Talente enorm ist, kostet der Einstellungsprozess für eine neue Mitarbeiter*in leicht 100.000 Euro - und das, bevor die Person überhaupt mit der Arbeit begonnen hat. Es ist also nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll, Programme und Angebote zu schaffen, die Mitarbeitende
langfristig ans Unternehmen binden und ihre (mentale) Gesundheit fördern. Führungskräfte spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie müssen als Vorbilder zeigen, dass Pausen, Selbstfürsorge und ein achtsamer Umgang mit sich selbst Teil des Erfolgs sind. Denn Arbeit ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Ich habe selbst erlebt, wie wichtig diese Einsicht ist. Google ist in vielen Bereichen Vorreiter, wenn es um das Wohlbefinden der Mitarbeitenden geht. Aber letztlich liegt es auch an jedem Einzelnen, solche Angebote zu nutzen. Rückblickend bereue ich, dass ich diese Möglichkeit damals nicht wahrgenommen habe. Mentale Gesundheit beginnt bei uns selbst, wir können diese Verantwortung nicht auf den Arbeitgeber abwälzen."
Ist eine Gesellschaft ohne Leistung denkbar? Oder gibt es eine „Post-Leistungsgesellschaft"?
"Leistung wird immer ein zentraler Bestandteil unserer Gesellschaft sein, aber wir müssen sie neu und sinnvoller definieren - menschlicher, nachhaltiger und werteorientierter. Statt ausschließlich auf Ergebnisse zu blicken, sollten der Weg dorthin und die Art, wie wir ihn gestalten, stärker in den Fokus rücken: Zusammenarbeit, Kreativität und Resilienz müssen genauso zählen wie klassische Erfolgskriterien. Ein Beispiel aus meinem Leben zeigt, wie unterschiedlich Leistung bewertet werden kann. Heute sehe ich meinen Beitrag zur Gesellschaft vor allem darin, mit meinem Buch viele Menschen zu erreichen und ihnen Mut zu machen - das zeigen mir die zahlreichen Leserbriefe, die ich erhalte. Ist das nicht eine viel wertvollere Leistung, als damals in einem großen Konzern zu arbeiten und dabei zu helfen, ihn noch größer zu machen? Monetär wurde das natürlich ganz anders bewertet: Mein Gehalt bei Google kann ich nicht mit meinen Tantiemen als Autor vergleichen:) Wir sollten uns alle fragen: Welchen Wert hat Leistung wirklich - für uns selbst und für die Gesellschaft?"
Gibt es noch etwas, das Sie ansprechen möchten?
"Ja, ich möchte betonen, wie unglaublich wichtig die Rolle von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen ist. Sie sind die stillen Held*innen unserer Gesellschaft, oft im Hintergrund und doch unverzichtbar. Sie bleiben, wenn die Klinik oder die Therapie abgeschlossen ist, und tragen eine immense Last. Dabei geraten sie selbst oft an ihre Grenzen und riskieren, ein „Angehörigen-Burnout" zu erleben, wenn sie nicht rechtzeitig lernen, sich abzugrenzen und Freiräume für sich selbst zu schaffen. Mein tiefster Respekt
gilt diesen Menschen, denn ihre Leistung wird viel zu selten anerkannt. Ohne meine Frau wäre ich heute nicht hier. Sie hat mich durch die dunkelsten Phasen meiner zweijährigen Depression getragen und dabei selbst eine unglaubliche Stärke bewiesen. In meinem Buch "Nach Grau kommt Himmelblau" gibt es ein Kapitel namens „Die Sicht der Anderen", das sie geschrieben hat. Darin beschreibt sie eindrücklich, welche unmenschlichen Herausforderungen Angehörige bewältigen und wie sie mir half, ohne dabei selbst zusammenzubrechen. Eine Depression hat immer mindestens zwei Betroffene."
Website mit Shop: https://himmelblau.jetzt/
Insta: https://www.instagram.com/himmelblau.jetzt/
Facebook: https://www.facebook.com/people/Nach-Grau-Kommt-Himmelblau/100093398523185
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/thomas-reinbacher/
Autor:Katja Bergmann aus Niedernberg |
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