Bildergalerie und Essay.
Sommerferien- Erinnerungen an die 1970er Jahre.
- Sonnenaufgang im August im Odenwald. Foto Roland Schönmüller
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Odenwald-Kindheitserinnerungen an die 1970er Jahre: Augustferien am Bach, auf Stoppelfeldern und am Waldrand.
Odenwald. Ein poetischer Blick zurück auf ländliche Sommer, in denen der August mehr war als ein Monat: ein eigener Sozialraum aus Wasser, Staub, Waldsaum, Festtagen und der ersten Ahnung einer größeren Welt.
Der August im Odenwald war einst kein bloßer Ferienabschnitt, sondern eine Landschaftszeit. Er roch nach warmem Korn, nach Bachwasser, nach Staub auf den Knien und nach Himbeeren, die in der Sonne weich geworden waren.
Wer damals aufwuchs, brauchte keine großen Ausflüge, keine Animation, keine Eintrittskarte zum Glück. Die Umgebung selbst war Bühne und Mitspielerin: der Bach im Tal, die abgeernteten Stoppelfelder, die Wiesenwege, die Hänge am Waldrand, an denen die Sträucher ihre roten Früchte wie kleine Geheimnisse hinhielten.
Der Bach – ein Freibad ohne Kasse.
Der Bach im Odenwaldtal war das inoffizielle Freibad der Gegend, das demokratischste aller Sommervergnügen. Niemand fragte nach Öffnungszeiten, niemand nach Badekarten. Wo sich das Wasser an Steinen staute oder über ein niedriges Wehr glitt, entstand für Kinder ein eigener Ort: kühl, lebendig, vertraut.
Wer sich hineinsetzte, wurde von der Frische sofort ergriffen: ein kurzer Schreck, dann Gelächter, dann der Wunsch, es noch einmal zu tun. Die Kinder kannten jede Strömung, jeden glatten Stein, jede dunklere Stelle, an der das Wasser plötzlich tiefer wurde.
Es war ein Ort, an dem Selbstständigkeit nicht erklärt, sondern gelebt wurde. Man ging allein oder in kleinen Gruppen, blieb stundenlang, kam mit nassen Haaren, zerkratzten Schienbeinen und leuchtenden Augen zurück. Der Bach verlangte keine großen Worte. Er lehrte Gleichgewicht, Mut und die Kunst, sich dem Lauf des Wassers einen Moment lang anzuvertrauen.
Stoppelfelder – Hitze, Staub und ein kleines Feuer.
Am Nachmittag verlagerte sich das Leben auf die Stoppelfelder. Die Ernte war vorüber, die Halme standen kurz und scharf, der Boden strahlte die Wärme des Tages zurück. Über der Fläche flimmerte die Luft, und doch war gerade diese Kargheit ein Versprechen: Hier konnte man rennen, sich verstecken, Spuren ziehen, Burgen aus Stroh bauen und den Sommer an den Händen spüren.
Wenn der Abend kam, entzündete man manchmal ein kleines Lagerfeuer – behutsam, überschaubar, eher Zeichen als Gefahr. Es markierte den Übergang vom Toben zum Erzählen. Die Stimmen wurden leiser, die Funken stiegen auf, und die Kinder sahen ihnen nach, als trügen sie Botschaften in einen Himmel, der sich langsam violett färbte.
Himbeeren am Hang – der süße Rand der Welt.
Der Hang am Waldrand war ein Zwischenreich: nicht mehr Feld, noch nicht Wald. Dort standen die Himbeersträucher dicht, ihre Früchte warm von der Sonne, ihr Laub rau an den Unterarmen. Die Ernte war kein offizielles Ereignis, sondern ein stilles Ritual. Man wusste einfach, wann die Zeit gekommen war.
Die Hände färbten sich rot, die Schalen füllten sich langsam, und doch verschwand die Hälfte der Beeren schon vorher im Mund. Der Waldrand schenkte Ruhe, Schatten und Maß. Er war der Gegenpol zur Weite der Felder, ein Ort, an dem die Landschaft innehielt und die Kinder, ohne es zu wissen, mit ihr.
Festtage im August – Gemeinschaft, Weihrauch und gebrannte Mandeln.
Parallel zu diesen Landschaftsferien wuchs die Vorfreude auf die Festtage. Kirchweihen, Vereinsfeste, Musikproben und der Aufbau kleiner Buden verdichteten die Dörfer zu Orten der Begegnung. Es roch nach Fettgebäck, nach Bratwürsten, nach Staub auf dem Festplatz und manchmal nach gebrannten Mandeln. Man traf jene wieder, die man das Jahr über kaum sah, und erkannte an Stimmen, Gesten und Handschlägen, dass Zugehörigkeit manchmal keiner Erklärung bedarf.
Maria Himmelfahrt setzte dem Monat in katholisch geprägten Gegenden einen religiösen Akzent. Am 15. August wurden Kräuterbüschel gebunden und gesegnet; typische Pflanzen waren unter anderem Johanniskraut, Schafgarbe, Rainfarn, Minze und häufig die Königskerze in der Mitte des Busches. Was am Morgen gesammelt wurde, wurde später geweiht und mit nach Hause genommen – ein Stück Natur, das Schutz, Dankbarkeit und Erinnerung in sich trug.
Ein leiser Übergang: Lesenlernen und fremde Wörter
Zwischen Bachwasser, Stoppeln und Festmusik lag ein kaum hörbarer Übergang: die Vorbereitung auf das neue Schuljahr. Das Lesenlernen wurde geübt, Buchstaben fügten sich zu Sinn, erste fremde Wörter tauchten auf – Englisch, Französisch – und öffneten kleine Fenster in eine größere Welt. Der Sommer war also nicht nur Pause. Er war auch Wachstum, unmerklich und doch entscheidend.
Fazit: Diese Augustferien waren kein spektakuläres Erlebnis im heutigen Sinn. Sie bestanden aus Wiederholungen, aus langsamem Licht, aus Wegen, die man barfuß kannte, aus der Verlässlichkeit der Orte. Gerade darin lag ihre Kraft. Sie prägten ein Gefühl von Heimat, das weniger Besitz als Beziehung war: zu Wasser und Feld, zu Wald und Fest, zu den Menschen und zu einer Landschaft, die nicht Kulisse blieb, sondern Teil der eigenen Geschichte wurde.
Roland Schönmüller (Text und Fotos).
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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