Essay und Bildergalerie.
Wer hat an der Uhr gedreht?
- Herr, es ist Zeit …!
, - hochgeladen von Roland Schönmüller
Uhren, Umstellung, Unruhe,
Eine Nation ringt mit sechzig Minuten.
Zweimal im Jahr geschieht in Deutschland etwas, das weder Sturm noch Streik ist und doch Millionen Menschen aus dem Takt bringt. Kein Politiker ruft dazu auf, keine Behörde verschickt Mahnungen, und dennoch herrscht kurzzeitig Verwirrung. Die Rede ist von der Zeitumstellung, jenem Ritual, bei dem Uhren verstellt, Wecker überprüft und innere Uhren beleidigt werden.
In der Nacht wird an den Zeigern gedreht, am Morgen an der Laune. Während die einen behaupten, sie hätten davon überhaupt nichts bemerkt, laufen andere tagelang mit einem Gesichtsausdruck herum, als kämen sie gerade von einem Langstreckenflug über drei Kontinente.
Die Wissenschaft spricht gerne von der inneren Uhr. Diese wiederum scheint von der äußeren Uhr wenig zu halten. Gerät die eine aus dem Takt, folgt die andere nur widerwillig. Besonders die Umstellung auf die Sommerzeit gilt als kleine Herausforderung. Eine Stunde verschwindet förmlich im Kalender, und viele Menschen fragen sich am Montagmorgen, wer sie eigentlich gestohlen hat.
Dabei ist die Debatte längst größer geworden als sechzig Minuten. Seit Jahren wird über die Abschaffung diskutiert. Doch eine entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Welche Zeit soll denn bleiben?
Die Anhänger der Sommerzeit schätzen lange helle Abende, während die Freunde der Normalzeit auf den natürlichen Rhythmus des Menschen verweisen. So steht Europa gewissermaßen vor einer Uhr, deren Zeiger sich bewegen, deren Entscheidung aber stehen geblieben ist.
Stimmen für die Abschaffung
Iris, 23 Jahre:
„Ich bin klar für die Abschaffung. Zweimal im Jahr spielt die Uhr verrückt und alle tun so, als wäre das normal. Gerade im Frühjahr fühle ich mich tagelang müde. Eine feste Zeit wäre viel entspannter und würde uns das ganze Hin und Her ersparen.“
Rolf, 71 Jahre:
„Je älter man wird, desto mehr merkt man, wie wichtig regelmäßiger Schlaf ist. Die innere Uhr lässt sich nicht einfach umstellen wie der Küchenwecker. Aus meiner Sicht sollte die Normalzeit dauerhaft gelten. Das wäre für den Körper die vernünftigste Lösung.“
Stimmen gegen die Abschaffung
Anna, 68 Jahre:
„Ich genieße die langen Sommerabende. Im Garten sitzen, Freunde treffen oder einfach noch eine Runde spazieren gehen, das gehört für mich zum Sommer dazu. Die Zeitumstellung stört mich kaum, dafür möchte ich auf die hellen Abende nicht verzichten.“
Jens, 25 Jahre:
„Ganz ehrlich: Mein Smartphone stellt die Uhr allein um und nach zwei Tagen ist das Thema vergessen. Für mich ist die Diskussion größer als das eigentliche Problem. Die Sommerzeit bringt mehr Leben in die Abende, deshalb kann es ruhig so bleiben.“
So bleibt die Zeitumstellung vorerst das vielleicht merkwürdigste gesellschaftliche Ritual des Jahres. Sie kostet keine Eintrittskarte, erzeugt aber zuverlässig Diskussionen. Während Wissenschaftler über den Biorhythmus forschen, Politiker nach einer gemeinsamen Lösung suchen und Bürger über verlorene oder gewonnene Stunden philosophieren, verrichtet die Uhr unbeirrt ihren Dienst.
Nur die Menschen sind sich nicht einig, welche Zeit die richtige ist. Die Zeit selbst schweigt beharrlich und tickt unbeirrt weiter. Ganz gleich, ob Sommerzeit, Winterzeit oder Normalzeit: Am Ende schlägt sie für alle gleich.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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