Mehr als ein Lernort: Was Förderschulen leisten
Die Schulleitungen der Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule und der Janusz-Korczak-Schule im Interview.
- Stärken entdecken und zeigen, was in ihnen steckt: Beim Musical „Tuishi Pamoja“ standen die Schülerinnen und Schüler der Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule selbst auf der Bühne.
- Foto: Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule
- hochgeladen von Marlene Deß
Zwei Schulleitungen erzählen vom Schulalltag, davon, wie Stärken sichtbar werden, und von Kindern, die lernen, an sich zu glauben. Was in beiden Gesprächen deutlich wird: Eine Förderschule ist keine Endstation.
Martina Plott, Schulleiterin der Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule in Miltenberg, und ihr Stellvertreter Peter Rothermich im Gespräch:
Welche Kinder und Jugendlichen besuchen die Stötzner Schule?
Martina Plott: Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis teilweise 17 Jahren, von der schulvorbereitenden Einrichtung bis zur neunten Klasse. Darunter sind Schülerinnen und Schüler mit Schwierigkeiten im Lernen oder im emotional-sozialen Bereich, autistische Kinder oder Frühchen. Für manche kann es auch sinnvoll sein, vorübergehend zwei oder drei Jahre zu uns zu kommen, um sich zu stabilisieren, aufzuholen und anschließend mit neuem Selbstvertrauen wieder an eine Grund- oder Mittelschule zu wechseln.
Peter Rothermich: Bei uns sind also ganz normale Kinder, die einfach an irgendeiner Stelle einen Bedarf haben.
Was zeichnet den Unterricht an einer Förderschule aus?
Plott: Zuallererst mal die Haltung der Kolleginnen und Kollegen. Wir haben einfach eine grundsätzlich andere Ausbildung, unter anderem auch im medizinischen und sprachtherapeutischen Bereich. Wir gehen auf jedes einzelne Kind und seine Bedürfnisse ein.
Rothermich: An der Förderschule schaue ich mir die Kinder an und muss überlegen: Wo kann ich ansetzen, wie kann ich mit ihnen arbeiten? Es geht darum, Freude am Lernen und Motivation zu schaffen. Wir haben in den unteren Klassen keine Noten. Ich kann ja nicht sagen: Wenn du nicht liest, dann kriegst du eine Sechs. Das ist sinnlos.
Plott: Statt der klassischen Notengebung gibt es Lerngespräche. Ab der achten Klasse gibt es Noten, weil es dann um Berufsvorbereitung und Praktika geht.
Wie sieht individuelle Förderung konkret aus?
Plott: Viele Kinder haben ihren eigenen Wochenplan. Die einzelnen Fächer sind ans Kind angepasst, auch der Umfang der Aufgaben. Wir arbeiten außerdem in Gruppen. In Mathematik kann zum Beispiel der eine bis zehn rechnen und der andere bis 10.000. Außerdem haben wir mehr Zeit. In den ersten Klassen wird nach dem Grundschullehrplan unterrichtet, allerdings nicht in zwei, sondern in drei Jahren.
Rothermich: Dadurch, dass man auf das Kind bereits anders zugeht, sich mehr interessiert, die Kinder sehr genau kennt und viel Kontakt hat, entstehen ganz andere emotionale Bindungen. Diese Beziehungsebene ist extrem wichtig. Und über diese Beziehungsebene mache ich den Unterricht. Außerdem haben wir eine enge Elternarbeit in den Klassen und in der gesamten Schule. Wenn wir sehen, dass ein Kind einen besonderen Bedarf hat, wird das nicht von der Klassenlehrerin allein gelöst, sondern mit der Jugendsozialarbeit, mit Hilfe des Jugendamts und mit unserer Unterstützung. Dann sind wir immer alle in einem Boot.
Welche Entwicklung erleben Sie bei den Schülerinnen und Schülern?
Plott: Wenn man sieht, wie die Kinder durch die Unterstützung und durch die Beziehungen hier Fortschritte machen, kann man das manchmal gar nicht fassen. Sie finden ihren Weg. Sie brauchen dafür einfach mehr Zuspruch, mehr Einzelunterstützung und mehr Geduld.
Rothermich: Wir hatten zum Beispiel eine Schülerin, die nicht gesprochen hat. Sie hat angefangen zu singen und seitdem spricht sie deutlich mehr. Solche Entwicklungen können wir mit entsprechenden Angeboten fördern.
Plott: Wir haben so viele Kinder, die außergewöhnliche Leistungen in Musik, Kunst oder Sport erbringen, die vorher nie gefördert wurden. Hier können sie ihre Stärken zeigen und präsentieren, zum Beispiel auf der Bühne, und feststellen: „Ich bin wer.“
Was möchten Sie Eltern mitgeben, die sich erstmals mit dem Thema Förderschule beschäftigen?
Plott: Eltern sollen sich die Schule einfach mal anschauen. Dann sehen sie die Klassen und wie hier Unterricht gemacht wird. Wie der Begriff schon sagt: Wir fördern. In allen Bereichen. In den Wahrnehmungsbereichen, in den schulischen und in den Lernbereichen.
Rothermich: Viele Eltern haben Angst, dass das Kind, wenn es an die Förderschule kommt, verloren hat. Aber das ist überhaupt nicht so.
Plott: Die Schule ist sehr durchlässig. Wenn die Schüler einmal bei uns sind, müssen sie nicht hierbleiben. Sie können jederzeit an eine Grund- oder Mittelschule wechseln. Auch nach der neunten Klasse stehen weitere Wege offen: Wer hier den vereinfachten Mittelschulabschluss gemacht hat, kann ein freiwilliges zehntes Schulbesuchsjahr an einer Mittelschule anschließen und dort den Quali erwerben.
Rothermich: Wir sind nicht die Endstation. Im Gegenteil: Den Kindern eröffnen sich hier Chancen und nicht andersrum.
- Martina Plott und Peter Rothermich von der Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule.
- Foto: Privat
- hochgeladen von Marlene Deß
Auch die Schulleitung der Janusz-Korczak-Schule in Elsenfeld, Dominik Voß und Katharina Engelmann, gab uns Einblicke in ihren Schulalltag.
Was prägt den Alltag an Ihrer Schule? Was ist Ihnen im täglichen Miteinander besonders wichtig?
Voß: Bei uns ist eigentlich immer Bewegung drin. Mir ist wichtig, dass die Kinder merken: Hier kennt man mich, hier nimmt man mich ernst. Neben den individuellen Lernfortschritten der Kinder ist uns auch die emotional-soziale Entwicklung unserer Schülerinnen und Schüler sehr wichtig.
Deshalb arbeiten wir mit dem Rolf-Konzept. ROLF steht für Respekt, Ordnung, Lernen und Fairness. Das sind eigentlich ganz einfache Dinge, die für unseren Schulalltag aber eine große Bedeutung haben. Wir wollen den Kindern damit Orientierung geben und zeigen, wie ein gutes Miteinander funktionieren kann.
Engelmann: Bei uns ist der Unterricht bunt, intensiv und abwechslungsreich. Die Kinder bekommen anschauliche Hilfen, sie haben Zeit, um sich Lerninhalte anzueignen. In Mathematik lernen die Kinder beispielsweise die Rechenoperation handelnd mit Materialien, um sie wirklich zu verstehen.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit den Familien für den Lernerfolg der Kinder?
Voß: Wir können als Schule viel machen, aber wir können das Kind nicht losgelöst von seinem Elternhaus sehen. Die Eltern sind unsere wichtigsten Partner. Deshalb muss man miteinander reden – auch dann, wenn es mal nicht so gut läuft. Lieber einmal zu viel miteinander gesprochen als einmal zu wenig.
Engelmann: Unter Umständen begleiten wir die Kinder schon in Grundschulen und Mittelschulen im Rahmen unserer Arbeit als mobiler sonderpädagogischer Dienst (MSD) und versuchen die Situation dort für das Kind zu stabilisieren. Wir bieten eine umfangreiche Diagnostik an und beraten Eltern sowie Lehrer an den Grund- und Mittelschulen. Für die Zusammenarbeit ist Vertrauen nötig, um gemeinsam einen guten Weg für das Kind zu finden und um zu verstehen warum es zu Lernproblemen in der Schule kommt.
Was überrascht Eltern oder Besucher häufig, wenn sie Ihre Schule kennenlernen?
Voß: Ich glaube, viele sind erst einmal überrascht, wie bunt und vielfältig unser Schulalltag ist – und vor allem davon, was unsere Schülerinnen und Schüler alles können. Manchmal kommen Besucher mit einem bestimmten Bild von Förderschule zu uns und merken dann schnell: Das ist hier ganz anders, als sie gedacht haben.
Wir schauen eben nicht nur darauf, was ein Kind nicht kann, sondern genauso darauf, wo seine Stärken liegen. Und wenn man die entdeckt und dem Kind die Möglichkeit gibt, damit etwas zu machen, dann passiert manchmal richtig viel.
Was sind für Sie Erfolgserlebnisse im Schulalltag?
Voß: Das sind oft wirklich die kleinen Dinge. Wenn ein Kind plötzlich etwas macht, was es sich vorher nicht zugetraut hat. Oder wenn einer irgendwann sagt: „Das kann ich schon alleine.“ Gerade solche kleinen Fortschritte sind für mich etwas ganz Besonderes.
Und manchmal sind es die Rückmeldungen Jahre später. Wenn ehemalige Schülerinnen und Schüler vorbeikommen und erzählen, was aus ihnen geworden ist. Dann denkt man: Schön, dass wir sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten durften.
Engelmann: Das sind für mich die Feiern im Schuljahr: Beispielsweise die Abschlussfeier der 9. Klassen im Juli. Wir begleiten die Kinder über viele Jahre und können an ihrer Entwicklung teilhaben.
Was wünschen Sie sich, dass die Öffentlichkeit über Förderschulen besser versteht?
Voß: Dass Förderschule keine Endstation ist. Das ist mir wirklich wichtig. Unsere Kinder haben genauso ihre Stärken, ihre Interessen und ihre Ziele. Manche brauchen einfach einen anderen Weg und manchmal auch etwas mehr Zeit.
Unsere Aufgabe ist es, nicht zu sagen, was ein Kind alles nicht kann, sondern gemeinsam herauszufinden, was möglich ist. Wenn ein Kind am Ende unserer Schule ein bisschen mehr an sich glaubt als vorher, dann haben wir schon viel erreicht.
- Katharina Engelmann und Dominik Voß von der Janusz-Korczak-Schule
- Foto: Janusz-Korczak-Schule
- hochgeladen von Marlene Deß
Autor:Marlene Deß aus Miltenberg |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.