ELISABETH HEINDLS INSTALLATION "PASSAGGI" IN ST. MAURITIUS WIESBADEN

Zwischen den klaren Linien des brutalistischen Kirchenraums von St. Mauritius in Wiesbaden öffnet sich ein unerwarteter Erfahrungsraum: Mit ihrer Ausstellung „passaggi“ verwandelt die Münchner Künstlerin Elisabeth Heindl den sakralen Ort in eine Choreografie aus Farbe, Licht und Bewegung. Was hier geschieht, ist mehr als eine Ausstellung: es ist ein Angebot, sich selbst in der Bewegung durch den Raum neu zu begegnen.

Der Titel ist dabei alles andere als beiläufig gewählt. „Passaggi“, das italienische Wort für Passagen, Übergänge, Durchgänge, benennt präzise, worum es Heindl geht: um das Dazwischen, das Unterwegssein, den Moment der Verwandlung. Nicht das Ankommen ist entscheidend, sondern das Durchschreiten selbst.

Ein Ort, eine Einladung, eine einmalige Konstellation

Es ist ein seltenes Zusammenspiel, das diese Ausstellung möglich macht: Veranstaltet von der Initiative „Kirche und Kultur“ der Katholischen Erwachsenenbildung Wiesbaden-Untertaunus und Rheingau (KEB) gemeinsam mit der Pfarrei St. Bonifatius, Kirchort St. Mauritius und in Kooperation mit der Katholischen Akademie Rabanus Maurus, ist „passaggi“ ein eigens für diesen Ort entwickeltes Projekt.

Initiiert und kuratiert von Dr. Simone Husemann, Leiterin der KEB, die Heindl eingeladen hat, den Kirchenraum von St. Mauritius künstlerisch zu bespielen, sind die Arbeiten in einem bemerkenswert dichten Zeitraum von nur rund vier Monaten entstanden. Die Maße der Werke sind präzise auf den Raum abgestimmt, ihre Wirkung untrennbar mit ihm verbunden. Diese Ausstellung ist einmalig, sie wird nur hier gezeigt und nur hier kann man die „passaggi“ durchschreiten.

Vom Dunkel ins „kleine Gold“

Dieses Durchschreiten ist hier wörtlich zu nehmen. Wer die Kirche betritt, gerät unmittelbar in die Dramaturgie der Arbeit. Der erste Weg führt durch eine dunklere Passage, ein tiefes, dichtes Blau, das den Blick sammelt und den Schritt verlangsamt. Erst danach öffnet sich ein zweiter Raum: getaucht in ein kräftiges Gelb, das laut Künstlerin als „kleines Gold“ zu verstehen ist. Ein Aufhellen, ein Weitergehen, ein Übergang, der schließlich in den Altarraum führt.

Was in diesem Moment geschieht, ist nicht nur visuell. Es ist eine körperliche Erfahrung. Kaum hat man die erste Passage betreten, verändert sich die Wahrnehmung spürbar: Geräusche klingen anders, gedämpfter und konzentrierter. Auch die Luft scheint verändert zu sein, dichter, ruhiger und mit anderem Duft. Der Raum, den man eben noch durchschritten hat, erscheint plötzlich entfernt. Es ist keine bedrückende Enge, sondern eher eine beruhigende Einhüllung und ein Innehalten, das sammelt.

Choreografierte Wahrnehmung

Diese Erfahrung ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer präzisen künstlerischen Setzung. Heindl, die neben Bildhauerei und Architektur auch klassisches Ballett und Modern Dance studierte, denkt Raum immer auch als Bewegung. Ihre Installationen sind choreografierte Übergänge, die erst im Durchschreiten ihre volle Wirkung entfalten.

Dabei bleibt stets eine Freiheit gewahrt. Man kann durch die Objekte gehen, aber man muss es nicht. In dieser Offenheit liegt eine Stärke der Ausstellung. Sie lädt ein, ohne zu vereinnahmen. Genau darin erkennt Dr. Simone Husemann auch eine Chance über den Kunstkontext hinaus. „Vielleicht schafft es Kirche, über die Beschäftigung mit Kunst wieder verstärkt in den Dialog mit Menschen zu treten“, betont die KEB-Leiterin und ergänzt: „Man erlebt den Raum durch die Irritation der Passagen anders und kann ihn ganz neu wahrnehmen“. In der Tat setzt die Kunst der zierlichen Münchnerin keine Gegensätze, sondern Verschiebungen, die Wahrnehmung öffnen. Die Farbwahl folgt dabei einer feinen Logik: Sie korrespondiert mit den vorhandenen Farbakzenten des Kirchenraums. Weiße Flächen innerhalb der Installation reflektieren das Licht und verändern sich mit ihm, je nach Tageszeit, je nach Blickwinkel.

Verwandlung und Resonanz

Inhaltlich ist die Ausstellung im Kontext des Gedenkjahres für Franz von Assisi verankert. Das Leben des Heiligen war von radikalen Umbrüchen geprägt, beispielsweise Krankheit, Zweifel, Neuorientierung. Dieses sind existenzielle Passagen und Übergänge, die Heindls Arbeiten nicht illustrieren, sondern erfahrbar machen.

Besonders deutlich wird dies in der Installation „Vis-à-vis“ im Altarraum. Zwei halb geöffnete, geschwungene Metallkörper stehen sich gegenüber und laden zum Eintreten ein – nicht zum Durchgehen, sondern zum Verweilen, zum Sich-Drehen, zum Wahrnehmen eines Gegenübers in einem „Gehege des Lichts“. Hier sieht man sein Gegenüber in der Installation und kann sich doch nicht berühren, laut Heindl auch ein Sinnbild unserer Zeit.

Ein Raum, der antwortet

St. Mauritius selbst ist dabei mehr als nur Ausstellungsort. Für die Künstlerin ist es eine Kirche, „aus der das Leid draußen gehalten wird“ und deren einfacher, klarer Raum eine wohltuende Reduktion bedeutet. Gerade diese Zurückhaltung macht St. Mauritius offen für die künstlerischen Eingriffe. So entsteht eine Ausstellung, die nicht auf Wirkung zielt, sondern auf Erfahrung. Eine, die nichts fordert und doch viel auslöst.

© Text und Bilder: Annette Krumpholz

Bis zum 14. Mai sind die Werke in der Katholischen Kirche St. Mauritius (Abeggstraße 37, 65193 Wiesbaden) zu erleben, begleitet von einem spannenden Rahmenprogramm. (Infos auf Anfrage)

Die Ausstellung ist auch im Rahmen der „Kurzen Nacht“ der Museen und Galerien in Wiesbaden zu besichtigen, nämlich am 11.4. von 19 bis 24 Uhr. Es ist ein Oldtimershuttle-Service eingerichtet!

Vor ihren beiden Kunstwerken „Passaggi“ und „Vis-à-vis“ gibt es in der „Kurzen Nacht“ in regelmäßigen Abständen kurze Artist Talks gemeinsam mit der Kuratorin der Ausstellung, Dr. Simone Husemann, Leitung KEB Katholische Erwachsenenbildung Wiesbaden-Untertaunus & Rheingau, und wechselnd mit Dr. Christiane Morsbach, freie Mitarbeiterin im Team der KEB Wiesbaden-Untertaunus und Rheingau.

www.kurze-nacht.de
https://www.keb-limburg.de/news/news-detail/durchgaenge-ins-offene
www.kirche-und-kultur.de
www.bistumlimburg.de
www.elisabeth-heindl.de
https://www.bonifatius-wiesbaden.de/kirchorte/st-mauritius

Autor:

Marc Peschke aus Wertheim

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Essen & TrinkenAnzeige
Von links: Robin Winter, Anan Kamkerd, Matthias Winter und 
Sunantha Weis und das hauseigene TukTuk zur Gästebeförderung..
5 Bilder

Spezialist der Region
Wie eine Reise nach Thailand: Authentische Kochkunst im Phi Mai Thai in Klingenberg

Vor rund zehn Jahren begann Sunantha Weis mit einem kleinen thailändischen Imbisswagen neben dem Getränkehandel von Matthias Winter in Klingenberg Röllfeld. Heute führen beide das Restaurant Phi Mai Thai, mit im Boot sind Winters Sohn Robin im Service und Koch Anan Kamkerd. Vom früheren Getränkehandel ist im stilvoll eingerichteten und klimatisierten Gastraum kaum noch etwas zu erkennen. Über zehn Jahre wurde alles in Eigenleistung umgebaut und modernisiert, zuletzt auch die sanitären Anlagen....

Bauen & WohnenAnzeige
0:40

Sondermaschinenbau bei WIRL Elektrotechnik in Kleinheubach

Individuelle Sondermaschinen von WIRL Elektrotechnik. Von der Planung bis zur Automatisierung erhältst du eine Lösung für deinen Prozess. Sondermaschinenbau bei WIRL Elektrotechnik Kein Fertigungsprozess gleicht exakt dem anderen. Bauteile unterscheiden sich, Abläufe haben eigene Taktzeiten und selbst kleine räumliche Einschränkungen können darüber entscheiden, ob eine Maschine sinnvoll eingesetzt werden kann. Standardanlagen stoßen deshalb schnell an ihre Grenzen. Beim Sondermaschinenbau bei...

Auto & Co.Anzeige
0:43

Carbon Cleaning
So läuft die professionelle Motorreinigung bei uns ab

Carbon Cleaning: So läuft die professionelle Motorreinigung ab Viele Autofahrer haben schon vom Carbon Cleaning gehört, wissen aber nicht genau, wie die Reinigung eigentlich funktioniert. Dabei ist das Verfahren überraschend unkompliziert und gleichzeitig äußerst effektiv. Das Ziel ist es, Kohlenstoff Ablagerungen im Motor zu lösen und die Leistungsfähigkeit des Fahrzeugs langfristig zu erhalten. Für die Reinigung wird ein spezielles Carbon Cleaning Gerät an das Fahrzeug angeschlossen. Über...

Auto & Co.Anzeige
0:17

Hyundai IONIQ 5 schnell laden in Obernburg

Hyundai IONIQ 5 schnell laden: Der Praxistest beim Autohaus Bieger in ElsenfeldWie lange muss ein Elektroauto tatsächlich an der Ladesäule stehen? Diese Frage lässt sich am besten dort beantworten, wo Strom fließt. Deshalb zeigen wir Dir beim Autohaus Bieger in Elsenfeld live, wie einfach das Schnellladen mit dem Hyundai IONIQ 5 funktioniert. Im praktischen Ladevorgang steigt der Batteriestand innerhalb von rund 15 Minuten von 20 auf 80 Prozent. Das reicht häufig für Deinen Arbeitsweg, mehrere...

Bauen & WohnenAnzeige
0:30

Waschtrockner kaufen bei Lokal GbR in Wörth am Main

Wenig Platz für Waschmaschine und Trockner? Ein Waschtrockner spart Stellfläche. Lokal GbR berät Dich in Wörth am Main. Waschtrockner: Die praktische Lösung, wenn Waschmaschine und Trockner nicht beide Platz finden Der Zollstock liegt auf dem Boden, die Nische im Bad ist ausgemessen und die Erkenntnis kommt schnell: Für Waschmaschine und Wäschetrockner reicht der Platz einfach nicht. Genau dann lohnt sich ein Blick auf einen Waschtrockner. Er wäscht und trocknet in einem Gerät und nimmt dabei...

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.