Chancen auf Heilung mittlerweile gut
Messies – wenn das Leben zu viel wird

Außerhalb der eigenen vier Wände ahnt oft keiner, wie es den Betroffenen geht und unter welchen Umständen sie leben. Foto: Pixabay
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Beim pathologischen Horten leiden Betroffene unter einem Zwang, nichts wegschmeißen zu können – Fachleute zur Hilfe involvieren

In Deutschland leben - vorsichtig von Selbsthilfegruppen geschätzt – rund 1,8 Millionen Menschen mit dem sogenannten Messiesyndrom. Messie zu sein bedeutet, zwanghaft Dinge sammeln zu müssen wie Zeitungen, Elektrogeräte, leere Joghurtbecher und und und ... So lange, bis in den Wohnungen kaum noch Platz für den darin lebenden Menschen ist. Dabei ist es nicht so, dass Messies nicht aufräumen wollen. Sie können es schlicht und einfach nicht.

Sammeln liegt übrigens in der Natur des Menschen. Ein Gesunder beschränkt seine Sammelleidenschaft in der Regel auf ein von der Gesellschaft anerkanntes Maß. Ein Messie hingegen sammelt ohne Struktur, Sinn und Organisation. Grund ist wie bei vielen „Suchtkrankheiten“ die psychische Verfassung.

Das äußere Chaos spiegelt das zerrissene Innere wieder

Das Bild des Messies, wie es in den Medien dargestellt wird, ist übrigens völlig überzogen – vermutlich der Quote wegen. Der kleinste Teil der Betroffenen sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher, vermüllt systematisch die Wohnung und züchtet Ungeziefer. In diesem Fall spricht man übrigens vom  Vermüllungssyndrom, der extremsten Ausprägung des Messiesyndroms.

Die meisten Messies sammeln und horten lediglich und achten durchaus auf Sauberkeit in ihrer Wohnung. Auch äußerlich sieht man den meisten Messies nicht an, dass sie krankhaft Gegenstände sammeln. Ganz im Gegenteil. Die meisten sind sehr gepflegt und gehen einem Beruf nach.

Das Paradoxe dabei: Im „normalen“ Leben, also außerhalb der vier Wände, gelten Messies oft als perfektionistisch und pedantisch. Niemand würde damit rechnen, dass eine solche Person in einer völlig zugestellten Wohnung lebt.

Traumatische Verlusterlebnisse als Auslöser

Das Messiesyndrom entsteht meistens durch traumatische Verlusterlebnisse, häufig schon im frühkindlichen Alter. Viele Messies wurden in ihrer Kindheit vernachlässigt oder aber auch überbehütet. Auch ein schwerer Verlust kann die Ursache sein. Die Krankheit – und nichts anderes ist das Messiesyndrom – ist äußerst komplex und kann neben Traumata die verschiedensten Ursachen haben.

Der innere Schmerz wird äußerlich mit den gesammelten Gegenständen zugedeckt. Die gesammelten Dinge geben dem Betroffenen Wärme - zumindest gefühlt. "Ich habe meine Gegenstände – also ist alles gut."
Da sie das Gefühl haben, selbst nichts wert sein zu können, messen sie Gegenständen einen hohen Wert zu. Sie können für sich selbst nicht beantworten: „Ist das schön oder nicht?“, „Brauche ich das oder nicht?“ Das Sammeln gerät außer Kontrolle, so dass Stapel und Türme mit unnützen Dingen gebildet werden. Messies haben eine emotionale Bindungen zu diesen Dingen.Gegenstände können nicht weglaufen oder den Betroffenen sonst irgendwie enttäuschen.
Es gibt sogar Messiewohnungen, in denen man durch Gänge kriechen muss, um in die jeweiligen Zimmer zu gelangen. Aber, wie schon erwähnt, dass die Wohnungen vermüllt werden, bis sie unbewohnbar sind, ist eher der Ausnahmefall und lediglich die letzte Stufe dieses Syndroms.

Spezialfall Animal Hoarding

Ein Spezialfall des Messietums ist übrigens das Sammeln von Tieren, das Animal Hoarding. Durch die schiere Masse ist eine artgerechte Unterbringung, geschweige denn Versorgung, gar nicht mehr möglich. Nicht nur die Tiere leiden, sondern auch die Wohnung und die Einrichtung.

Hilfe zu suchen ist keine Schande

Viele Messies schämen sich für ihre Wohnungen. Aus diesem Grund isolieren sie sich sozial, denn jemand nach Hause einzuladen ist für einen Betroffenen unvorstellbar. Das gilt natürlich auch für die Kinder oder den Partner. Dabei ist es keine Schande nach Hilfe zu suchen, wenn man am Messiesyndrom leidet. Nur muss man eben erkennen, dass man ein Problem hat und gewillt sein, dieses anzugehen.

Psychotherapie ist die beste Lösung

Die beste Lösung bei einem erkannten Messiesyndrom ist eine Psychotherapie. Die Betroffenen müssen behutsam in ein normales Leben zurückgeführt werden, mit einer Therapie, die auf ihre Symptomatik zugeschnitten ist. Das Messiesyndrom tritt übrigens nicht nur isoliert auf. Es kann auch mit anderen Erkrankungen einhergehen wie beispielsweise Sucht, Psychosen, Depressionen oder anderen Zwangserkrankungen. Dann ist eine Kombination aus einer psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung notwendig

Kein Vorgehen mit der Brechstange - und auf keinen Fall aufräumen!

Am besten helfen Sie einem Messie, indem Sie ihm gar nicht helfen. Ein Vorgehen mit der Brechstange a lá: „Jetzt räum endlich mal auf!“ ist bei einem Messie eher kontraproduktiv. Eine Zwangsräumung kann für einen Messie so traumatisch sein, dass er danach schwer suizidgefährdet ist. Ebenso wenig nützlich ist es, dem Messie eine Haushaltshilfe zur Seite zu stellen oder dem Betroffenen die komplette Wohnung aufzuräumen. Denn das löst ja nicht das innere Chaos auf. Ganz im Gegenteil! Wie schon mehrfach erwähnt, hat ein Messie eine sehr emotionale Bindung zu seinen gesammelten Gegenständen.
Eine Therapie zielt in der Regel darauf ab, dem Betroffenen zu helfen, sich besser zu organisieren und auch psychisch zu stärken. Gemeinsam mit seinem Therapeuten wählt der Messie beispielsweise einen Bereich in der Wohnung aus, der aufgeräumt und später auch in Ordnung gehalten werden soll. Dadurch wird das Selbstwertgefühl gestärkt. In die Behandlung sollten natürlich auch die Angehörigen miteinbezogen werden. Der Besuch einer Selbsthilfegruppe ist ebenso ratsam.

Interview mit Diplom Psychologe Serkan Cetin, Psychotherapeut, Dozent und Supervisor

Diplom Psychologe Serkan Cetin, Psychotherapeut, Dozent und Supervisor. Foto: privat
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Wann ist man ein Messie und woher kommt die Bezeichnung?
"Zunächst gibt es den Begriff Messie nicht in der Fachliteratur: ´Mess´ bedeutet Chaos oder Unordentlichkeit und das ´ie´ verniedlicht die Person, welche das ´anrichtet´. In der Fachsprache sprechen wir eher über das pathologische Horten. Diese Menschen leiden unter einem Zwang, nichts wegschmeißen zu können und/oder besorgen sich unkontrolliert immer mehr Güter. Das pathologische Horten ist eine relativ neue psychische Erkrankung. Erst im April 2018 wurde es im Entwurf des neuen ICD-11 (Diagnosemanual für psychische Störungen, darin stehen alle psychischen Erkrankungen) aufgenommen und gehört zu den Zwangserkrankungen. Diese Patienten haben massive Angst oder leiden an extrem großem Unwohlsein beim Wegwerfen von Dingen und können in wichtigen Lebensbereichen nicht mehr so gut ´funktionieren´. Das pathologische Horten trifft häufig bei Menschen in Kombination mit Depressionen, Angsterkrankungen und anderen Zwangserkrankungen auf. Persönlichkeitsstörungen können auch eine Rolle spielen."

Was sind mögliche Ursachen?
"Genetische Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen. Trennungen, Verluste, mangelnde Fürsorge in der Kindheit, emotionale Deprivation und andere traumatische Ereignisse können zum pathologischen Horten führen. Aber auch gesellschaftliche Faktoren wie Konsum, Warenfetischismus, Gier und Besitz oder auch ein Entgegenrücken zur Wegwerfgesellschaft stellen wichtige Auslösefaktoren dar: ´Zeige mir, was du wegschmeißt und ich weiß, wer du bist.´ Das Geschlecht, die Schichtzugehörigkeit oder der Beruf scheinen unabhängig von dieser Erkrankung zu sein."

Gibt es typische Anzeichen von Betroffenen, bei denen Menschen im persönlichen Umfeld aufmerksam werden sollten?
"Sozialer Rückzug, Ungepflegtheit der Wohnung oder der Person, ablehnende Reaktion auf unerwarteten Besuch, kein Empfang in der eigenen Wohnung und oder die starke Verharmlosung des „Messie-Syndroms“ können Anzeichen sein."

Kann man als Laie helfen?
"Als Laie darf und sollte man nur helfen, wenn Hilfe ausdrücklich erwünscht ist. Ansonsten muss man es aushalten. In diesen Fällen überwiegen die Freiheitsrechte des Einzelnen. Man kann dem Betroffen ein Gespräch anbieten und mitteilen, dass es Fachleute gibt, welche helfen können. Psychische Erkrankungen können Leidensdruck entstehen lassen, aber auch Leidensdruck kann psychische Erkrankungen hervorrufen. Beim Messie-Syndrom sollte festgestellt werden, ob Leidensdruck vorhanden ist und - wer leidet. Ob der Betroffene selbst darunter leidet oder sein Umfeld, wie Partner, Kinder oder Nachbarn. Solange keine Eigen- oder Fremdgefährdung besteht, darf nicht geholfen werden, wenn es der Betroffene nicht möchte. Eigengefährdung besteht, wenn man sich selbst nicht mehr versorgen kann, z.B. die Wohnung extrem kalt ist. Fremdgefährdung besteht, wenn Kinder oder sehr viele Haustiere im Haushalt leben und mit darunter leiden. In solchen Fällen muss auch gegen den Willen der Person ´geholfen´ werden."

Was sollte man vermeiden, um die Situation des Betroffenen nicht noch zu verschlimmern?
"Keine moralischen oder lehrerhaften Bemerkungen. Nicht helfen, wenn es nicht erwünscht ist. Keine Zwangsräumung oder ähnliches initiieren. Keine Termine bei Ärzten oder Psychotherapeuten vereinbaren - das sollten Betroffene selbst machen. Begleiten darf man natürlich schon."

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? /Gute Chancen auf Heilung?
"Die Chancen auf Heilung sind mittlerweile durch die Verhaltenstherapie eher gut. In der Therapie werden gemeinsam mit den Patienten Ziele gesetzt, in ganz kleinen Schritten arbeitet man sich langsam vor. Auch das Erarbeiten eines Erklärungsmodells wirkt heilsam. Selbstwertarbeit spielt eine zentrale Rolle: ´Darf ich mir selbst in meiner eigenen Wohnung Platz gönnen oder bin ich mir selbst das nicht wert?´ Zudem gibt es Medikamente, die helfen. Es lohnt sich auf jeden Fall, Fachleute zu involvieren.
In meiner Praxis biete ich zusätzlich Meditation an. Einem Drittel meiner Patienten gelingt es dadurch, Abstand zum eigenen inneren Erleben zu entwickeln und somit die Angst vor dem Wegwerfen zu verlieren. Viele entdecken dabei das zentrale Problem und lösen es selbstständig auf.

Autorinnen: Miriam Weitz und Marlene Deß

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