Bildergalerie und Essay.
Von Omas Lebkuchenherz, vom "Hau den Lukas", vom "Billigen Jakob" und anderen Michels-Mess'-Erinnerungen.

Und dann kommt am letzten Messetag dieser Moment, auf den alle warten: das Feuerwerk über der Altstadt, über Main und Mildenburg. Für einen Augenblick wird es stiller – zumindest innerlich. Kinder reißen die Augen auf, Erwachsene werden wieder acht Jahre alt, und irgendwo erinnert sich jemand daran, wie im Kaltenbachtal Himbeeren gesammelt wurden, damit am Ende genau dieser Abend ein bisschen länger dauern durfte.
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  • Und dann kommt am letzten Messetag dieser Moment, auf den alle warten: das Feuerwerk über der Altstadt, über Main und Mildenburg. Für einen Augenblick wird es stiller – zumindest innerlich. Kinder reißen die Augen auf, Erwachsene werden wieder acht Jahre alt, und irgendwo erinnert sich jemand daran, wie im Kaltenbachtal Himbeeren gesammelt wurden, damit am Ende genau dieser Abend ein bisschen länger dauern durfte.
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Die Miltenberger Michaelismesse zwischen Kindheit, Kaltenbachtal und Karussell – Erinnerungen ehemaliger Kinder .

Die Michaelismesse ist ein Stück Miltenberger Seele: mit Mainluft, Festbierduft, Blasmusik, Zuckerwatte und jener feierlichen Erkenntnis, dass ein Kind auf einem Volksfest grundsätzlich mehr Wünsche hat als Hosentaschen – und dass Großeltern überraschend oft die einzigen anerkannten Finanzminister der Familie waren.

Wer zwischen Main, Mildenburg, Schnatterloch, Kaltenbachtal, Odenwald und Spessart aufgewachsen ist, weiß: Diese Messe ist nie nur ein Fest. Sie ist ein Ausnahmezustand mit Fachwerkkulisse, Leuchtgirlanden und der alljährlichen Frage, wie viele Karussellfahrten ein Magen verträgt, bevor er höflich, aber bestimmt eine Pressekonferenz einberuft.

Für viele ehemalige Kinder begann die große Vorbereitung nicht erst mit dem Messeeinzug oder dem ersten Tusch im Festzelt, sondern daheim: mit dem Messegeld von Oma und Opa, mit heimlich gezählten Münzen im Marmeladenglas und mit dem selbstverdienten Erlös aus gesammelten Himbeeren im Kaltenbachtal. Dort wurde nicht bloß gepflückt, dort wurde volkswirtschaftlich geplant. Jede Beere war im Grunde eine künftige Fahrt im Autoscooter, ein Los an der Bude oder ein halber Traum aus Zuckerwatte.

Und Oma hatte natürlich ihre eigenen Messe-Erinnerungen, die sie jedes Jahr zuverlässig auspackte wie die gute Kittelschürze: „Früher“, sagte sie, „da hat 'der Hau den Lukas' noch richtig gescheppert!“ Dann erzählte sie von starken Männern, die mit hochrotem Kopf auf den Schlagbolzen droschen, während die Kinder staunten und die Erwachsenen so taten, als sei das reine Kraftsache und nicht auch ein bisschen Glück, Schwung und verletzter männlicher Ehrgeiz. Wenn die Glocke oben klingelte, war der Held des Abends geboren; wenn nicht, hieß es: „Der Hammer war schlecht eingestellt.“

Ebenso unvergessen war der billige Jakob, dieser redende Wirbelsturm unter den Händlern. Er verkaufte angeblich alles „fast geschenkt“, nur dass man am Ende mit drei Gemüsehobeln, fünf Waschlappen, einer Wunderbürste und dem Gefühl nach Hause ging, gerade ein Jahrhundertgeschäft gemacht zu haben. Seine Stimme trug weiter als manche Blaskapelle, und wer nur kurz stehen blieb, hatte verloren: Schon war man Teil einer Verkaufsvorführung, bei der die Kartoffel schneller geschält wurde als man „Ich brauch eigentlich nichts“ sagen konnte.

Die fünfziger Jahre – Das Mainufer als Wunderwelt.
 

In den fünfziger Jahren wirkte das Messegelände am Main wie ein Wunder, das jemand aus Holz, Licht, Musik und fränkischer Beharrlichkeit zusammengesetzt hatte. Die Nachkriegszeit lag noch schwer in vielen Straßen, doch zur Michaelismesse wurde Miltenberg heller: die Buden, die Kinderaugen und gelegentlich auch die Gesichter der Erwachsenen nach dem Bieranstich.

Für Kinder waren Schiffschaukel, Kinderkarussell, kleine Eisenbahn und die ersten mutigen Höhenflüge schon Abenteuer genug; eine Achterbahn war nicht bloß ein Fahrgeschäft, sondern ein Charaktertest mit Kurven, Knattern und sehr ernst gemeinten Stoßgebeten.

Zwischen Bratwurstduft und Blasmusik standen auch jene Marktstände, die Kinder zunächst für langweilig hielten – bis sie merkten, dass dort die spannendsten Gerüche wohnten. Gewürze lagen in kleinen Bergen da, als hätte jemand den Orient in Papiertüten sortiert. Daneben lockten Hustenbonbons und Kräuterbonbons, die so kräftig nach Salbei, Anis, Eukalyptus und Fenchel rochen, dass man schon vom Hinschauen tief durchatmete. Oma kaufte sie „für den Winter“, was in Wirklichkeit bedeutete: für die Manteltasche, die Handtasche, die Küchenschublade und für jedes Kind, das auch nur andeutungsweise hustete.

Und irgendwo zwischen Gewürzstand und Bonbonduft hing natürlich das Lebkuchenherz, das man Oma mitbringen wollte – groß genug, um Dankbarkeit zu zeigen, aber hoffentlich nicht so teuer, dass danach nur noch eine halbe Karussellfahrt übrig blieb. Die Aufschrift musste stimmen: „Für die beste Oma“ war sicher, „Hab dich lieb“ ging immer, und wer besonders mutig war, suchte eines mit so viel Zuckerguss, dass Oma es erst bewunderte, dann an die Küchenwand hängte und schließlich nie essen wollte, „weil es zu schade ist“.

Eine besonders zuverlässige Erinnerung erzählt davon, wie ein Enkel einmal ein Lebkuchenherz für Oma kaufte und es auf dem Heimweg so stolz vor sich hertrug, als habe er gerade den Stadtschlüssel von Miltenberg persönlich überreicht bekommen. Leider war der Zuckerguss nicht ganz so standhaft wie die Liebe zur Großmutter. Bis daheim war aus „Für die beste Oma“ ein etwas verwischtes „Für die beste O…“ geworden, und das rote Herz klebte an Pullover, Fingern und wahrscheinlich auch an der Familiengeschichte. Oma nahm es trotzdem feierlich entgegen, betrachtete die Zuckerschrift mit diplomatischem Blick und sagte: „Das passt schon, Bub – ich weiß ja, wer gemeint ist.“ Danach wurde das Herz natürlich nicht gegessen, sondern aufgehängt, wo es jahrelang bewies, dass wahre Liebe auch bei Zuckerguss-Schäden gültig bleibt.

Gegessen wurde, was warm, duftend und mit beiden Händen zu bewältigen war: Bratwurst, Hendl, Brezeln, gebrannte Mandeln und alles, was nach Festtag roch und nach klebrigen Fingern verlangte. Getrunken wurde Limonade, für die Erwachsenen Bier aus Krügen, deren Gewicht schon vor dem Inhalt Respekt einforderte. Wer eine Bratwurst in der einen und gebrannte Mandeln in der anderen Hand hielt, hatte organisatorisch mehr erreicht als mancher Ausschuss in drei Sitzungen.

Die sechziger und siebziger Jahre – Abenteuer mit Marschmusik und Mainblick.
 

In den sechziger und siebziger Jahren wurde alles ein wenig schneller, lauter und mutiger. Autoscooter, Raupenbahn, Kettenflieger, Riesenrad und Geisterbahn machten aus dem Messeplatz ein Labor jugendlicher Selbstüberschätzung. Man bekam ein paar Münzen, einen Treffpunkt, eine Uhrzeit und den ernsten elterlichen Hinweis, „keinen Blödsinn“ zu machen.

Natürlich wusste niemand so genau, wo Blödsinn anfing – aber irgendwo zwischen Zuckerwatte, Losbude und dem ersten Zusammenstoß im Autoscooter musste er wohnen.

"Der Hau den Lukas" blieb dabei ein besonderer Magnet. Väter, Onkel und große Brüder stellten sich mit der Miene von Olympiasiegern an, griffen den Hammer und versuchten, die Glocke zu treffen, als hinge die Ehre des gesamten Maintals daran. Die Kinder jubelten sowieso – entweder wegen des Erfolgs oder wegen der großartigen Ausreden danach. „Der Boden war schief“, „ich hab nicht richtig gestanden“ oder „früher war ich stärker“ gehörten zum akustischen Rahmenprogramm wie das Scheppern der Fahrgeschäfte.

Der Messeeinzug durch die Stadt war für Kinder ein Spektakel mit eingebauter Nackenstarre: Musikgruppen, Vereine, Fahnen, Festwagen und Menschen, die für einen Nachmittag aussahen, als hätte Miltenberg beschlossen, sich selbst in Festtracht zu begegnen. In manchen Familien gab es eine bewährte Zuschauertechnik: erst an einer Stelle gucken, dann im Laufschritt zur nächsten Ecke und denselben Zug noch einmal erleben. Für Erwachsene war das Planung, für Kinder war es Zauberei mit Seitenstechen.

Die achtziger und neunziger Jahre – Begegnungen im Lichtermeer.
 

In den achtziger Jahren wurde die Michaelismesse für Jugendliche zu einem Ort, an dem man nicht nur Fahrgeschäfte betrachtete, sondern vor allem Menschen. Man stand in Grüppchen, lachte besonders lässig und hoffte innerlich, dass die Frisur trotz Fahrtwind noch annähernd gesellschaftsfähig war. Musik-Express, Breakdance, Polyp, Autoscooter und Geisterbahn wurden zu Prüfständen der Coolness; wer nach der Fahrt nicht taumelte, sondern lächelte, durfte sich für drei Minuten erwachsen fühlen.

Der billige Jakob war in dieser Welt eine eigene Attraktion. Während anderswo die Musik dröhnte, dröhnte er verbal zurück und machte aus jedem Kochtopf eine Revolution des Haushalts. Man konnte ihm kaum entkommen: Erst lachte man über seine Sprüche, dann blieb man stehen, dann dachte man „Eigentlich praktisch“, und plötzlich trug man eine Tüte mit Dingen heim, die angeblich jeder Mensch braucht, obwohl bisher niemand in der Familie bemerkt hatte, dass sie fehlten.

In den neunziger Jahren merkte man plötzlich, dass man älter wurde. Die Fahrgeschäfte waren nicht mehr ganz so furchteinflößend, die Gespräche wurden länger, und aus „Darf ich noch eine Runde?“ wurde „Treffen wir uns später im Festzelt?“ – ein Satz, der in Miltenberg beinahe den Rang eines Reifezeugnisses besitzt. Die Speisekarte wurde internationaler: Pizza, Döner, Crêpes und asiatische Pfannengerichte fanden ihren Platz neben Haxe, Hendl, Bratwurst und Fischbrötchen. Das Volksfest wurde globaler, ohne aufzuhören, nach gebrannten Mandeln zu riechen.

Die 2000er bis 2020er Jahre – Generationentreffen mit Himbeer-Vorgeschichte. 

In den 2000ern brachten Eltern ihre Kinder zur Messe und erklärten ihnen mit ernster Stimme, dass früher alles kleiner, billiger und irgendwie echter gewesen sei. Die Kinder nickten höflich und fragten, ob man jetzt endlich zum Karussell könne. Die Fahrgeschäfte wurden höher, schneller, heller; die Lichter drehten sich, die Musik wummerte, und irgendwo erklärte ein Vater, dass er früher für eine Tüte Himbeeren aus dem Kaltenbachtal mindestens drei Messeabende finanziert habe. Historikerinnen und Historiker mögen das überprüfen; Familiengedächtnisse arbeiten bekanntlich gern mit großzügiger Umrechnung.

In den 2010ern begann die Vorfreude schon im Chat: Wer geht wann? Wer ist wo? Wer postet zuerst ein Foto vom Riesenrad? Doch auf dem Messegelände selbst blieb das Entscheidende erstaunlich analog: Musik, Gerüche, Gedränge, Lachen, Licht und die Erkenntnis, dass ein Akku leer sein kann, ein Messemoment aber trotzdem funktioniert. Selfies vor Fahrgeschäften und Feuerwerk wurden Pflicht, aber das wahre Bild entstand weiterhin dort, wo Zuckerwatte am Finger klebte, die Bratwurst tropfte und Oma einem mit ernster Miene ein Kräuterbonbon zusteckte, „damit der Hals frei bleibt“ – selbst wenn der Hals überhaupt nicht das Problem war.

Und dann kam noch etwas zurück, womit frühere Generationen vermutlich gelächelt hätten: die Tracht. Dirndl und Lederhose sind heute nicht mehr nur etwas für Vereinsfeste, Familienalben oder sehr entschlossene Blasmusiker, sondern wieder erstaunlich modern. Auf einmal stehen junge Leute im Festzelt, als hätten sie zwischen Smartphone, Sneakern und Social Media beschlossen, dass ein bisschen Heimatstoff dem Abend nicht schadet.

Und auf der Miltenberger Verkaufsmesse findet sich natürlich auch das passende Zubehör: Charivaris, Trachtentücher, Hosenträger, Blusen, Westen, Hirschhornknöpfe, Trachtenhüte, Hutnadeln, Edelweiß-Anstecker, Trachtensocken, Loferl, Gamsbärte, Ketten, Schnallen, kleine Ledertaschen und all jene Dinge, von denen man vorher nicht wusste, dass sie einem zur vollständigen Festplatzerscheinung noch fehlen.

Besonders gefährlich sind die kleinen Accessoires, weil sie so harmlos wirken. Ein Trachtenhut sagt nicht: „Kauf mich.“ Er sagt: „Setz mich nur einmal auf.“ Eine Hutnadel flüstert: „Ich bin winzig, ich zähle kaum.“ Ein Charivari hängt da wie ein historisches Ausrufezeichen aus Metall und behauptet, ohne es sei die Lederhose nur eine halbe Aussage. Und die Trachtentasche erklärt mit unschuldigem Reißverschluss, sie sei selbstverständlich praktisch – schließlich müssen irgendwo Bonbons, Kleingeld, Fahrchips und das Handy Platz finden.

Das hat seinen ganz eigenen Zauber: Man kommt in normaler Alltagskleidung, bleibt an einem Stand „nur mal kurz zum Schauen“ stehen und verlässt ihn wenige Minuten später innerlich bereits als Trachtenmensch im Maßstab 1:1. Erst hängt ein Tuch probeweise über der Schulter, dann sitzt der Hut verdächtig gut, danach passt die Weste „erstaunlich zufällig“ zur Stimmung, und plötzlich wird aus einem gewöhnlichen Messebesucher ein Trachtenmännlein oder Trachtenweiblein mit Mainblick, Festzeltberechtigung und der festen Überzeugung, dass genau dieses Accessoire schon immer gefehlt hat. Der billige Jakob hätte dazu vermutlich nur gesagt: „Greif zu, sonst bist du morgen noch zivil!“

Programm und Highlights 2026 – damit keiner sagt, er habe von nichts gewusst.
 

Die Michaelismesse Miltenberg 2026 findet von Freitag, 28. August, bis Sonntag, 6. September 2026, statt.

Zehn Tage lang heißt es am bayerischen Untermain: Festzelt, Biergarten, Vergnügungspark, Marktstände, Gewerbeausstellung, Musik und jene besondere Miltenberger Mischung aus Tradition und „nur noch eine Runde“.

Der Messeauftakt beginnt am 28. August; im Festzelt folgt der Bieranstich durch Bürgermeister Bernd Kahlert, bevor die Partyband OH LA LA den Abend eröffnet. Am Samstag, 29. August, zieht der große Messeeinzug durch die Stadt – ein Moment, in dem Miltenberg zeigt, dass es nicht nur Fachwerk kann, sondern auch Formation.

Das Festzeltprogramm reicht von Frühschoppen und preisgünstigem Mittagstisch bis zu Nachmittagsunterhaltung und Abendmusik. Zu hören sind unter anderem regionale Kapellen und Musikvereine wie Spessartklang, die Stadtkapelle Miltenberg, Böhmischer Zauber, der Musikverein Germania Bürgstadt, die Fränkischen Rebläuse Bürgstadt sowie Stimmungs- und Partybands wie Waidler Power, Die Obernburger, Frontal, Manyana, Ois Easy und I Düpferl. Kurz gesagt: Wer sich hier nicht wenigstens einmal beim Mitwippen ertappt, sollte vorsorglich prüfen, ob er versehentlich im falschen Zelt sitzt.

Der Familientag mit ermäßigten Preisen ist für Donnerstag, 3. September 2026, angekündigt – also jener Tag, an dem Eltern pädagogisch wertvoll erklären, dass man zwar sparen müsse, aber ausnahmsweise noch eine Fahrt möglich sei.

Den glanzvollen Schluss setzt am Sonntag, 6. September 2026, um 21 Uhr das große Abschlussfeuerwerk von der Mildenburg. Dann steht der Himmel über Miltenberg in Sternen und Blitzen, und selbst der sachlichste Mensch am Mainufer muss kurz zugeben, dass ein gut gesetzter Funkenregen manchmal überzeugender ist als jede Festrede.

Der letzte Messetag – Feuerwerk über Miltenberg.
 

Und dann kommt am letzten Messetag dieser Moment, auf den alle warten: das Feuerwerk über der Altstadt, über Main und Mildenburg. Für einen Augenblick wird es stiller – zumindest innerlich. Kinder reißen die Augen auf, Erwachsene werden wieder acht Jahre alt, und irgendwo erinnert sich jemand daran, wie im Kaltenbachtal Himbeeren gesammelt wurden, damit am Ende genau dieser Abend ein bisschen länger dauern durfte.

Danach bleibt dieser typische Nachhall: ein bisschen Rauch in der Luft, ein bisschen Musik im Ohr und das sichere Gefühl, dass Miltenberg ohne Michaelismesse zwar Miltenberg wäre – aber eben nicht ganz.

Was bleibt, sind nicht nur Fahrgeschäfte, Festbier und Festzüge, sondern Geschichten: vom Messegeld der Großeltern, von Himbeeren aus dem Kaltenbachtal, vom ersten Autoscooter-Crash, vom doppelt gesehenen Festumzug, vom Hau den Lukas, vom billigen Jakob, von Gewürzduft, Hustenbonbons, Kräuterbonbons, dem Lebkuchenherz für Oma, Zuckerwatte an den Fingern, Dirndl, Lederhose, Trachtenutensilien und vom Feuerwerk über der Mildenburg.

Genau daraus entsteht das, was man nicht programmieren, nicht kaufen und nicht nachbauen kann: Erinnerung mit Mainluft, fränkisch-odenwälderischem Herzschlag und gelegentlich einem Hut, den man eigentlich nur „mal kurz probieren“ wollte.

Roland Schönmüller.

Nachtrag:

 Der Lukas und die Kraft der Leute

Am Rand des Festplatzes, dort wo der Duft von gebrannten Mandeln sich mit dem Rauch der Bratwürste mischt, steht er wie ein Veteran der guten Laune: Hau den Lukas, dieser aufrechte Metallkamerad, der seit Generationen die Muskeln prüft und die Eitelkeiten entlarvt. Sein bunt bemaltes Gestell hat schon bessere Tage gesehen, doch gerade das macht seinen Charme aus. Die Farbe blättert, der Hammer ist schwer, und die Glocke oben am Mast glänzt wie ein Versprechen – oder wie eine Herausforderung, je nachdem, wie viel Selbstvertrauen man gerade mit sich herumträgt.

Vor dem Gerät sammeln sich die Mutigen und die Mutwilligen. Männer, die sich gegenseitig mustern, als stünde ein olympisches Finale bevor. Frauen, die lachend anfeuern und gelegentlich selbst zum Hammer greifen, um zu zeigen, dass Muskelkraft nicht nur eine Frage der Bartlänge ist. Kinder, die den Hammer betrachten, als sei er ein Zauberstab, der jeden in einen Superhelden verwandeln könnte.

Der Schausteller, ein Meister der kleinen Dramaturgie, ruft mit sonorer Stimme: „Na, wer traut sich? Wer zeigt dem Lukas, wo’s langgeht?“ Und schon tritt einer vor, greift den Hammer, schwingt ihn über den Kopf – und für eine Sekunde hält die Welt den Atem an. Der Schlag trifft den Knopf, der Metallkörper schießt nach oben, die Skala leuchtet, die Glocke zögert – und dann erklingt sie doch, hell und triumphierend. Ein Jubel geht durch die Menge. Der Sieger strahlt, der Schausteller nickt anerkennend, und der Lukas steht da, ungerührt, bereit für den nächsten Versuch.

Es ist ein Spiel, das nichts verspricht außer einem Moment der Selbstbehauptung. Kein Gewinn, kein Preis, nur ein Klang, der sagt: „Ich war oben.“ Und vielleicht ist genau das der Grund, warum der Lukas nie aus der Mode kommt. Er ist ein Stück Volksfestgeschichte, ein Ritual, ein kleiner Mythos aus Eisen und Holz – und ein Spiegel der menschlichen Sehnsucht nach dem kurzen, aber glanzvollen Triumph.

Natürlich hat die Moderne längst versucht, dem Lukas Konkurrenz zu machen. Neben ihm blinken heute elektronische High‑Striker, die mit LED‑Skalen und Soundeffekten arbeiten, als wären sie aus einer futuristischen Spielhalle entlaufen. Ein paar Meter weiter stehen Boxautomaten, die Schlagkraft in Zahlen verwandeln und den Ehrgeiz der Jugendlichen wecken. Und wer lieber tritt als schlägt, findet Kick‑Kraftmesser, die jedem Hobby‑Karateka das Gefühl geben, Bruce Lee persönlich herauszufordern.

Doch keiner dieser modernen Kraftmesser hat dieses archaische, fast rituelle Moment, das der Lukas besitzt: den Hammer, den Schlag, die Glocke. Es ist ein kleines Drama, das sich immer wieder neu entfaltet – und das Volksfest wäre ohne ihn nur halb so laut, halb so stolz und halb so menschlich.

Autor:

Roland Schönmüller aus Miltenberg

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