Gut gerüstet gegen möglichen Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest

Christoph Oberkötter (links) und Christian Kammergruber zeigen bei einer Übung auf dem Hainhaus-Areal in Lützelbach, wie man ein totes Wildschwein birgt, das sich mit der Afrikanischen Schweinepest infiziert haben könnte. (Foto: Stefan Toepfer/Kreisverwaltung Odenwaldkreis)
Bei Christian Kammergruber und Christoph Oberkötter sitzt jeder Handgriff. Das muss er auch, denn die beiden bergen ein totes Wildschwein, das sich womöglich mit der Afrikanischen Schweinepest infiziert hat. Schutzanzüge sind Pflicht, genauso die sorgfältige Entnahme eines Blutstropfens mittels einer Tupferprobe und das sichere Verladen des Schweins, nachdem es in einen speziellen Sack gesteckt worden ist. Liegt das Tier im Anhänger, geht es zur Kadaver-Sammelstelle. Wieder müssen Kammergruber und Oberkötter Schutzanzüge anziehen, bevor sie das Schwein in den Container legen. Dann ist ihr Auftrag beendet.

Normalerweise würden die beiden bei einem realen Einsatz keinen Applaus bekommen. Heute schon. Denn sie sind nicht allein. Gut 120 interessierte Männer und Frauen beobachten Kammergruber und Oberkötter – der eine arbeitet bei Hessen Forst, der andere im Veterinärdezernat des Regierungspräsidiums Darmstadt – bei ihrer Arbeit. Sie ist Teil einer großen Übung, die das Veterinäramt des Odenwaldkreises gemeinsam mit der hessischen Task Force Tierseuchenbekämpfung veranstaltet hat. Gefördert wurde die Übung vom Umweltministerium.

Die Teilnehmer kommen aus hessischen Veterinärämtern, Feuerwehren, Forst- und Jagdbehörden, Städten und Gemeinden des Odenwaldkreises sowie der benachbarten baden-württembergischen Kreise Neckar-Odenwald und Rhein-Neckar sowie des bayerischen Landkreises Miltenberg. Auch Vertreter der bayerischen und baden-württembergischen Task Force Tierseuchenbekämpfung und des hessischen Umweltministeriums sind dabei. „Um ein grenzüberschreitendes Eingreifen zu üben, ist der Odenwaldkreis prädestiniert“, hebt der für das Veterinärwesen zuständige Kreisbeigeordnete des Odenwaldkreises, Andreas Funken, hervor. Der kreis- und somit länderübergreifende Ansatz sei wichtig, denn die Seuche werde im Fall eines Ausbruchs nicht an Grenzen Halt machen.
„Wir wollen und müssen deswegen einen guten Informationsaustausch sicherstellen“, sagt Dr. Michael Sallmann. Er leitet das Veterinäramt des Odenwaldkreises. Zwei Tage vor dem praktischen Teil, der auf dem Hainhaus-Areal der kreiseigenen Odenwald-Regional-Gesellschaft stattfand, gab es bereits eine theoretische Übung zur Kommunikation im Krisenfall. „Dabei haben wir Schnittstellen erfolgreich getestet“, bilanzieren Sallmann und Dr. Fabienne Leidel von der Task Force Tierseuchenbekämpfung. Sie besteht aus sechs Tierärzten, je zwei von ihnen sind den drei hessischen Regierungspräsidien zugeordnet; Leidel gehört zum Regierungspräsidium Darmstadt, das auch für den Odenwaldkreis zuständig ist.
Auf dem Hainhaus-Gelände in Lützelbach wurde dann alles besprochen und gezeigt, was im Fall eines Seuchenausbruchs getan werden muss – etwa die Bergung eines Wildschweinkadavers, die Entnahme von Proben zum Nachweis der Seuche, die Einrichtung eines Kadaver-Sammelplatzes sowie der Bau von Zäunen zur Sicherung eines Risikogebiets. Außerdem demonstrierte die Polizeifliegerstaffel Egelsbach den Einsatz von Drohnen im Rahmen der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest. „Das alles sind Schlüsselelemente, die wir kennen und beherrschen müssen. Schließlich wollen wir im Notfall der Seuche so schnell wie möglich Herr werden“, so Sallmann.

Die Virus-Erkrankung, die ausschließlich Wild- und Hausschweine betrifft und gegen die es keinen Impfstoff gibt, ist in mehreren osteuropäischen Ländern aufgetreten, aber vor kurzem auch in Belgien. Leidel betont die große Verantwortung, die der Mensch bei einer Verbreitung des Virus spielt. Das allgemein „hohe Eintragsrisiko“ auch für Deutschland gehe vor allem auf menschliches Fehlverhalten zurück. So seien kontaminierte Speiseabfälle, die von Fernfahrern an Autobahn-Raststätten weggeworfen würden, oft der Ausgangspunkt für eine Verbreitung der Afrikanischen Schweinepest in neue Gebiete. „Zwar können sich auch Tiere untereinander anstecken, aber große Sprünge macht die Verbreitung der Seuche hauptsächlich wegen des achtlosen Verhaltens von Menschen.“

Grundsätzlich sind die Landkreise für die Bekämpfung auch dieser Tierseuche zuständig. „Wir kooperieren aber eng mit dem Regierungspräsidium Darmstadt“, so Sallmann. Dieses legt zum Beispiel den Umfang des gefährdeten Gebiets fest. In Wetzlar wiederum steht ein hessisches Zentrallager mit Material zur Seuchenbekämpfung. Dort werden zum Beispiel Schutzanzüge oder Tupfer zur Sicherung von Blutproben aufbewahrt. „Dieses Lager kann jeder Landkreis nutzen“, erläutert Sallmann. Die Bergung von Kadavern wird von geschulten Zwei-Mann-Teams vorgenommen. Das Land hat 60 Mitarbeiter von Hessen Forst geschult. Perspektivisch soll es Teams auch in den Landkreisen geben.

Im Doppelhaushalt 2018/2019 hat Hessen jährlich eine halbe Million Euro für die Prävention und eine eventuelle Bekämpfung der Seuche eingestellt. „Wir bereiten uns schon seit längerem auf den Umgang mit der Afrikanischen Schweinepest vor und haben zielgruppengenaue Maßnahmen zur Vorbeugung, Früherkennung und Aufklärung eingeleitet“, so Umweltministerin Priska Hinz. „Auch für den Ernstfall sind wir gewappnet und stellen Personal, Gerät und Geld zur Verfügung.“ Das Land hat alle schweinehaltenden Betriebe in Hessen darüber informiert, wie sie ihre Schweinebestände schützen können. Um den Wildschweinbestand zu reduzieren, wurde die Schonzeit bei der Bejagung „nicht nachwuchsführender Tiere“ aufgehoben. Informiert wurden die Teilnehmer aber nicht nur über Maßnahmen in Hessen, sondern auch über jene in Bayern und Baden-Württemberg.

Zu der Übung sind auch etliche Feuerwehrleute gekommen. Die Feuerwehren unterstützen die Veterinärbehörden technisch und organisatorisch, beispielsweise durch Absperrmaßnahmen oder die Einrichtung und den Betrieb von Desinfektionsschleusen. Wenn ein Bergeteam ein Kadaver an einem Sammelplatz abgelegt hat, darf ihr Fahrzeug das Gebiet nur verlassen, wenn Räder und Radkästen desinfiziert wurden. Auch das wurde bei der Übung auf dem Hainhaus-Gelände besprochen und demonstriert. Abgeholt wird der Kadaver schließlich durch eine Tierkörperbeseitigungsanstalt.
Das Hainhaus-Gelände eignete sich für die Übung nicht zuletzt deswegen, weil dort im Ernstfall tatsächlich eine Kadaver-Sammelstelle eingerichtet wird. „Das Areal ist umzäunt und deswegen sicher, außerdem ist es weit von der Wohnbebauung entfernt und doch gut zu erreichen“, so Sallmann.
Er und Leidel können mit der zweitägigen Übung, der ersten ihrer Art im Odenwaldkreis, mehr als zufrieden sein. Die Arbeit, die sie, ihre Kollegen sowie die Mitarbeiter der Odenwald-Regional-Gesellschaft und des Deutschen Roten Kreuzes aus Bad König, das die Verpflegung sicherstellte, in die Vorbereitung und Durchführung gesteckt haben, hat sich gelohnt. „Wir haben entscheidende Multiplikatoren aus mehreren Landkreisen und Berufen für das Thema sensibilisiert, und die praktischen Demonstrationen haben vieles sehr anschaulich gemacht, so dass jeder neue Erkenntnisse mit nach Hause nimmt“, resümiert Sallmann.
Das kann Hauke Muders, Kreisbrandinspektor des Kreises Miltenberg, nur bestätigen. Er sieht sich durch die Übung besser gerüstet als vorher: „Wir wissen nun, was auf uns zukommen kann.“ Auch Klaus Hanke, Leiter eines Forstreviers im Neckar-Odenwald-Kreis, sagt, er habe „einiges dazugelernt, vor allem über die Infektionswege“. In seinen Augen wird es nicht bei Trainingseinheiten bleiben: „Ich bin mir sicher, dass die Afrikanische Schweinepest irgendwann kommt.“
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