Volksbegehren "Rettet die Bienen"
BUND Naturschutz Miltenberg unterstützt Volksbegehren vom 31.1.-13.02.2019 - Interview mit dem Vorsitzenden Dr. Steffen Scharrer

Knautien-Sandbiene
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Dr. Steffen Scharrer leitet die Kreisgruppe Miltenberg des BUND Naturschutz. Er hofft, dass das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ bis zum 13. Februar 2019 mindestens 1 Million Unterschriften erhält. Denn nur dann wird der „Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Bayerischen Naturschutzgesetzes zugunsten der Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern“ (Originaltext) dem Landtag zur Abstimmung vorgelegt. Zu den Zielen und dem HIntergrund ein Interview mit Dr. Scharrer.

Es geht um den Artenschutz

"Rettet die Bienen" ist das Stichwort. Es geht aber nicht nur um die Bienen, oder?

Die Bienen stehen stellvertretend für alle Insekten und natürlich auch andere Artengruppen. Bienen sind nun mal die bekanntesten und sympathischsten. Vielen geht die Biene Maja durch den Kopf. Es gibt heute Handball-Bienen, Faschings-Bienen und so weiter. Stellen Sie sich vor, man hätte die Aktion „Rettet die Fransenflügler“ genannt. Das würde keinen interessieren.
Ich selbst habe zu Wildbienen eine ganz besondere Verbindung, weil ich in meiner Diplomarbeit vor 27 Jahren im Landkreis Miltenberg Wildbienen erfasst habe. Leider sind von den 134 Arten schon heute nicht mehr alle vorhanden.
Der Artenschwund hat in den letzten Jahren ein Ausmaß angenommen, dass ganz viele Menschen ihn wahrnehmen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass das nicht nur ein diffuser Eindruck ist. Es gibt nicht nur weniger Arten, auch die Biomasse an Insekten ist in einigen Regionen in 25 Jahren um drei Viertel zurückgegangen!
Eine ganze Menge unserer Kulturpflanzen sind auf Bestäubung durch Insekten angewiesen. Viele kennen nur die Honigbiene, aber auch die über 500 Wildbienenarten und Schwebfliegen sind wichtige Bestäuber - natürlich auch für Wildpflanzen. Vögel, Fledermäuse und auch Fische brauchen Insekten als Nahrung. Insekten sind für nahezu alle unserer Ökosysteme enorm wichtig. Sie sind systemrelevant, um dieses schöne Wort zu gebrauchen. Aber während systemrelevante Banken hierzulande mit Milliardenbeträgen gerettet werden, interessieren die Ökosysteme kaum jemanden. Dabei sind sie die Grundlage unserer Existenz.

Wie sehen Sie die Erfolgschancen des Volksbegehrens? 

Vor einigen Wochen wäre ich noch skeptisch gewesen. Aber wenn ich sehe, wie gerade hier am Untermain innerhalb weniger Wochen so viele unterschiedliche Parteien, Vereine und Interessensgruppe Hand in Hand für die Artenvielfalt arbeiten, bin ich inzwischen optimistisch. Nahezu alle politischen Parteien unterstützen uns, Verbände von der Ameisenschutzwarte bis zu Attac. Dazu einzelne Politiker, wie unser Landrat Jens Marco Scherf und der Sulzbacher Bürgermeister Martin Stock. So viel Rückenwind gab es für ein Naturschutz-Thema noch nie! Ich hoffe, dass er uns ganz weit bringt.


Wer sind die Initiatoren des Volksbegehrens?

Der ÖDP gebührt der Verdienst, dass sie das Volksbegehren initiiert hat. Der Bund Naturschutz ist mit seinen 233.000 Mitgliedern bayernweit wohl der größte Partner, und ist – zusammen mit dem Landesbund für Vogelschutz – nach Zulassung des Volksbegehrens dem Bündnis beigetreten.
Zur Zeit unterstützen wir es hier im Landkreis mit allem, was wir haben. Das tun aber andere auch und das passiert, soweit ich weiß, gerade in ganz Bayern.


Warum möchte man das bestehende Gesetz ändern?

Das Bayerische Naturschutzgesetz ist im Grunde gar nicht so schlecht. Es fehlen aber wichtige Instrumente beim Kampf gegen das Artensterben. So sind – anders als in anderen Bundesländern – keine Uferrandstreifen vorgeschrieben. Oft gehen deshalb Äcker oder gedüngte Wiesen direkt bis an den Gewässerrand – zum Beispiel an der Elsava, aber auch bei einigen kleineren Bächen. Es fehlen Pufferflächen, so dass Pestizide und Stickstoff direkt in die Gewässer gelangen können. Auch als Blühflächen für Insekten wären solche Uferrandstreifen wichtig.
Was mir selbst nicht ganz klar war: Es ist bis heute erlaubt, selbst in Naturschutzgebieten Pestizide, wie Glyphosat, auszubringen. Das soll geändert werden.
Wichtig ist auch, dass das Umweltministerium dem Landtag künftig regelmäßig über die Umsetzung verschiedener Ziele berichten muss. Das entspricht etwa den Waldschadensberichten, die aus der zeit des Waldsterbens bekannt sind. Das erzeugt öffentliche Aufmerksamkeit und man kann zuversichtlich sein, dass die Ziele auch erreicht werden.


Die gewünschten Änderungen und Zusätze betreffen sehr stark die Landwirtschaft,  Gab es dazu Reaktionen aus dem Agrarbereich?  

Aus dem Landkreis Miltenberg sind mir dazu keine Reaktionen bekannt. Ich wundere mich immer wieder, dass unsere heimischen Landwirte es hinnehmen, dass Deutschland Bioprodukte importiert – vor allem aus Österreich und Italien. Österreich ist ja von der Struktur mit Bayern vergleichbar. Jeder fünfte Betrieb ist dort ein Bio-Hof. 22 Prozent der Fläche werden ökologisch bewirtschaftet. In Bayern sind das gerade mal acht Prozent, im Landkreis Miltenberg immerhin elf. Ich bin der Meinung, die Bauern in Bayern sollten den Umsatz mit Bio-Produkten selbst machen und dabei die Artenvielfalt vor unserer Haustüre schützen.
Wichtig ist, dass in dem Volksbegehren kaum Forderungen enthalten sind, die einzelne Landwirte reglementieren. Es besteht ja keine Pflicht zur Umstellung auf Bio! Aber die Staatsregierung wird sich etwas einfallen lassen müssen, wie sie die Umstellung attraktiv machen kann. Zum Beispiel gibt es meines Wissens in der Umgebung keine Bio-Molkerei. Die Infrastruktur muss also gezielt gefördert werden, um die Umstellung zu ermöglichen.

Hätten die Gesetzesänderungen auch unmittelbare Auswirkungen auf Privatgärtner oder private Wiesen- und Waldbesitzer, was den Einsatz von Spritzmitteln oder die Nutzung und Umgestaltung der Flächen betrifft?

Für private Gärten gibt es keine Reglementierungen. Wer in der freien Landschaft Wiesen bewirtschaftet, muss dagegen schon einiges beachten. Zum Beispiel zählen Feuchtgrünland und Streuobstwiesen zu den besonders geschützten Biotopen, die man nicht einfach umwandeln darf.
Allerdings kann jeder in seinem privaten Garten ganz viel für die Artenvielfalt tun. Strukturen, wie Holzstapel oder Natursteinmauern, sind dabei hilfreich. Einjährige Stauden kann man über den Winter auch stehen lassen. Das freut die Vögel und im Frühjahr nisten Wildbienen in hohlen oder markhaltigen Stängeln. Ein reiches Angebot an Blüten lockt viele Insekten an. Wichtig ist auch, nicht jede Fläche zu versiegeln. Viele Bienenarten legen im Sandboden ihre Nester an. 


Naturschutz soll lt. Volksbegehren eine "Aufgabe für Erziehung" werden. Wäre ein Fach "Naturschutz" Ihrer Meinung nach die Lösung?

Gerade im Bereich Natur- und Umweltpädagogik gibt es bei den Naturschutzverbänden, aber auch an den Schulen, sehr viel Know-how. Das gilt es, zu nutzen und zu fördern. Wenn all diese Menschen den Raum bekommen, hier Ideen und Vorschläge zu entwickeln und diese dann auch umzusetzen, kommen wir hier sehr schnell voran.
Ein Schulfach „Naturschutz“ halte ich persönlich nicht für erforderlich. Naturschutzthemen sollten aber in vielen Fächern eine wichtigere Rolle spielen. In Ethik oder Religion kann man darauf ebenso eingehen, wie im Chemieunterricht, wenn es beispielsweise um den Stickstoffkreislauf geht. In Biologie ist Naturschutz natürlich ohnehin ein wichtiges Thema. Hier gilt es meiner Ansicht, den Kindern wieder Artenkenntnis beizubringen. Kaum ein Kind kennt mehr als fünf Vogelarten – von Wiesenblumen einmal ganz zu schweigen.
Als Bund Naturschutz wollen wir in diesem Jahr zum Beispiel einen Pflanzen-Bestimmungskurs speziell für Lehrerinnen und Lehrer anbieten. In den kommenden Jahren sind dann weitere Angebote vorgesehen.

Was wären langfristig die Konsequenzen für Mensch und Natur, wenn es nicht zu den gewünschten Gesetzesänderungen kommt?  

Es wäre fatal, wenn die erforderlichen zehn Prozent nicht zustande kämen. Politiker könnten daraus schließen, dass den Menschen die Artenvielfalt nicht wichtig ist. Das müssen wir verhindern. Natürlich setzen sich die Naturschutzvereine und -verbände auch abseits des Volksbegehrens immer für die Erhaltung der Artenvielfalt ein.

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Dr. Steffen Scharrer, Vorsitzender der BUND-Kreisgruppe MIltenberg mit Sitz in Obernburg.

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