Bildergalerie und Essay.
Gottersdorf zwischen Himmel und Erde.
- Impressionen vom Sonntagnachmittag in Gottersdorf. Foto Roland Schönmüller
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Gottersdorfer Pflanzentage: Wo selbst die Gießkanne Haltung zeigt.
Walldürn. Man hätte meinen können, in Gottersdorf sei an diesem Wochenende nicht einfach Markt gewesen, sondern eine Art friedlicher Aufstand des Chlorophylls.
Im Odenwälder Freilandmuseum öffneten die Garten- und Pflanzentage am 9. und 10. Mai ihre grünen Tore, und rund 40 Aussteller boten von 10 bis 18 Uhr, alles an, was wächst, rankt, blüht, duftet oder dem heimischen Beet ein neues Selbstbewusstsein verleihen kann: Rosen, Kräuter, Stauden, Gemüsejungpflanzen, Gehölze, Saatgutraritäten und Obstgehölze – kurz: den botanischen Gegenentwurf zur Tristesse des Baumarktregals.
Aus Sicht eines Kindes, Jan 12 aus Buchen, war die Sache ohnehin eindeutig: Erwachsene behaupten zwar, sie kämen wegen der Gartenkultur, tatsächlich aber geraten sie schon beim Anblick eines besonders schönen Tomatenpflänzchens in einen Zustand, den man sonst nur von Fußballfans oder Menschen vor dem Schlussverkauf kennt. Zwischen Schubkarren, Blumentöpfen und fachkundigem Stirnrunzeln wirkte der Markt wie ein Freiluftabenteuer mit Erdgeruch. Besonders groß war die Bewunderung für das Pflanzen-Taxi, das die Einkäufe zur Abholstelle brachte – ein Dienst, der aus Kinderperspektive ungefähr denselben Rang besitzt wie ein Flughafen-Shuttle, nur mit mehr Lavendel.
Der junge Vater Christoph aus Hardheim (35) wiederum gab sich betont lässig, wie sie das eben tun, wenn sie heimlich bereits ausrechnen, ob noch Platz für eine Mirabelle zwischen Trampolin und Grillstation bleibt. Anfangs sagte er Sätze wie: „Wir schauen nur mal.“ Wenig später trug er drei Kräutertöpfe, zwei Stauden und die Erkenntnis, dass „nur mal schauen“ auf Pflanzenmärkten ungefähr so realistisch ist wie weiße Turnschuhe auf einem Acker. Dass es neben dekorativen Blühpflanzen auch robuste Obstgehölze, insektenfreundliche Sortimente und seltenes Saatgut gab, machte die Sache nicht einfacher, sondern gefährlich überzeugend.
Eine junge Mutter (33) aus Bretzingen hingegen bewies jene Form von Souveränität, die in Familienausflügen meist die eigentliche Leitkultur darstellt. Während andere noch zwischen Rose und Rittersporn schwankten, hatte sie bereits Bodenansprüche, Lichtverhältnisse und Wasserbedarf mit einer Präzision abgefragt, die man sonst nur aus gut geleiteten Ausschusssitzungen kennt. Gerade darin lag ein besonderer Reiz dieser Pflanzentage: Die Pflanzen wurden nicht anonym über den Tisch geschoben, sondern häufig direkt von Züchterinnen und Züchtern verkauft, die bereitwillig erklärten, was wo gedeiht, was man besser bleiben lässt und warum manche Schönheit eben mehr Charakter als Bequemlichkeit mitbringt.
Der Senior Hans (71) aus Walldürn sah sich derweil bestätigt in einer Lebenswahrheit, die sich mit den Jahren verfestigt: Nichts ist moderner als das, was schon die Großeltern wussten. Alte Sorten, widerstandsfähige Gehölze, praktische Hinweise zum naturnahen Gärtnern – all das begegnete ihm nicht als modischer Trend, sondern als späte Genugtuung. Besonders wohlwollend registrierte er die Vorträge zu Gartenthemen und die kostenlose Sprechstunde des Pflanzendoktors, bei der sogar kränkelnde Blätter und befallene Zweige zu einem zweiten Leben im Gespräch fanden. Wer hier Rat suchte, bekam keine digitale Ferndiagnose, sondern Sachverstand mit Schuhsohle.
Die Seniorin Dagmar (67) Höpfingen schließlich verstand den Markt als das, was gute Veranstaltungen immer sind: ein gesellschaftliches Ereignis mit Blütezeit. Man kam ins Gespräch, verglich Sorten, erzählte von störrischen Schnecken und unerwartet erfolgreichen Pfingstrosen, lobte die Atmosphäre zwischen historischen Gebäuden und freute sich, dass auch Hunde an der Leine willkommen waren. Das Feuilleton liebt bekanntlich die feine Beobachtung, und hier wäre sie diese: Zwischen Rosenständen und Kräuterdüften zeigte sich, dass ländliche Kultur keineswegs provinziell sein muss. Sie kann klug, sinnlich, fachkundig und heiter zugleich auftreten – und dabei noch Erde unter den Fingernägeln für eine Auszeichnung halten.
So blieben die Gottersdorfer Pflanzentage als ein Wochenende in Erinnerung, an dem nicht nur gekauft, sondern vor allem geschaut, gefragt, gestaunt und gelacht wurde.
Das Odenwälder Freilandmuseum erwies sich einmal mehr als idealer Ort für eine Veranstaltung, die Fachwissen und Familienausflug, Gartenleidenschaft und gesellschaftliche Leichtigkeit miteinander versöhnt.
Oder, um es mit der wohl ehrlichsten Bilanz des Wochenendes zu sagen: Wer ohne Pflanze nach Hause ging, hatte wenigstens gute Geschichten im Gepäck.
Roland Schönmüller (Text und Fotos)
Weitere Bilder folgen noch!
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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