Bildergalerie und Essay.
Verlernen wir gerade das, was uns menschlich macht?
- Kreative Kinder beim KUNSTNETZ MILTENBERG.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Kreativität, Können, Konzentration – Warum Feinmotorik fehlt und Fantasie flieht.
Es beginnt mit einer kleinen Geste, die kaum jemand bemerkt:
Ein Kind hält den Stift so verkrampft, als müsse es ihn festnageln.
Ein Jugendlicher schneidet eine Linie, die sich windet wie ein Bach im Frühjahr.
Eine Erwachsene wischt über ein Display, als wäre das die einzige Bewegung, die ihre Hände noch kennen.
Und plötzlich steht eine Frage im Raum, die größer ist als jede einzelne Beobachtung: Was passiert mit uns, wenn Kreativität und Feinmotorik verschwinden – und warum geschieht es so leise?
Wer in diesen Tagen eine Grundschule betritt, hört die Antwort oft schon zwischen den Zeilen.
Die Lehrerin, die seit zwanzig Jahren unterrichtet, spricht von Kindern, „deren Köpfe voller Geschichten sind, aber deren Hände nicht wissen, wie man sie erzählt“.
Der Mittelschullehrer daneben beschreibt es nüchterner: „Feinmotorik ist ein Muskel. Und viele trainieren ihn nicht mehr.“ Beide blicken auf Hefte, in denen Buchstaben zittern wie Herbstblätter im Wind.
Weiter oben im Bildungssystem, im hellen Kunstraum eines Gymnasiums, formuliert die Kunstlehrerin es poetischer. „Ohne Staunen“, sagt sie, „gibt es keine Innovation.“ Sie meint damit nicht nur die Kunst, sondern das Denken selbst. Kreativität ist für sie kein Hobby, sondern ein Werkzeug, das die Welt öffnet. Und sie sieht, wie dieses Werkzeug stumpfer wird, wenn es nicht benutzt wird.
In der Realschule nebenan, riecht es nach Holzstaub und Leim. Der Werklehrer beobachtet, wie Jugendliche erst zögerlich, dann mit wachsender Begeisterung sägen, feilen, kleben. „Sie haben kaum Erfahrung mit Material“, sagt er, „aber wenn sie merken, dass Holz antwortet, wenn man es berührt, dann passiert etwas. Dann leuchten sie.“ Es ist ein Leuchten, das man nicht digital simulieren kann.
Die Dozentin für Kunstpädagogik an der Universität fasst das Phänomen wissenschaftlich: „Wir erleben eine Entkopplung von Kopf und Hand.“
Digitale Medien seien wertvoll, aber sie ersetzten nicht die haptische Erfahrung. „Kreativität entsteht im Dialog zwischen Denken und Tun“, sagt sie. „Wenn dieser Dialog verstummt, wird das Denken ärmer.“
Doch das Problem endet nicht an den Schultüren. Eine Mutter einer vierjährigen Tochter erzählt, wie schwer es sei, im Alltag Raum für Knete, Stifte und Scheren zu schaffen. „Der Bildschirm gewinnt fast immer“, sagt sie.
Ein Vater eines Zwölfjährigen berichtet von der Ungeduld seines Sohnes: „Wenn etwas nicht sofort klappt, bricht er ab.“ Geduld aber ist der unsichtbare Bruder der Feinmotorik.
Eine Seniorin, die ihr Leben lang mit den Händen gearbeitet hat, lächelt milde über diese Entwicklung. „Wir haben früher alles selbst gemacht“, sagt sie. „Nicht aus Romantik, sondern weil es nötig war.“ Für sie ist Handarbeit kein Trend, sondern eine Lebensform.
Die Erzieherin im Kindergarten bestätigt das aus ihrer Perspektive: „Kinder, die draußen spielen, haben bessere Motorik. Klettern, balancieren, matschen – das ist die beste Vorbereitung für Stift und Schere.“
Die Sozialpädagogin schließlich betont, wie sehr kreatives Tun den Selbstwert stärkt. „Wer etwas gestaltet, erlebt Selbstwirksamkeit“, sagt sie. „Das ist gerade für unsichere Kinder enorm wichtig.“
Und der freischaffende Künstler, der im Atelier zwischen Leinwänden steht, bringt es auf seine Weise auf den Punkt: „Kunst beginnt da, wo man sich traut, Fehler zu machen.“
So entsteht ein vielstimmiges Bild, das weder alarmistisch noch nostalgisch ist.
Es zeigt eine Gesellschaft, die sich in Richtung Bequemlichkeit bewegt – und dabei vergisst, dass Hände nicht nur Werkzeuge sind, sondern Denkorgane. Dass Kreativität nicht nur Ausdruck ist, sondern Orientierung. Dass Feinmotorik nicht nur Geschick bedeutet, sondern Beziehung: zur Welt, zum Material, zu sich selbst.
Doch diese Darstellung wäre unvollständig, würde er nur den Verlust beschreiben.
Denn überall dort, wo Menschen bewusst Raum schaffen, kehren Kreativität und Geschick zurück. Manchmal genügt ein Skizzenbuch, das täglich ein paar Striche sammelt. Ein Küchentisch, der wieder zum Atelier wird. Ein Spaziergang, bei dem man Stöcke, Steine und Blätter sammelt und sie zu kleinen Kunstwerken arrangiert.
Manchmal entsteht Kreativität schon, wenn man Werkzeug nicht als Bedrohung, sondern als Einladung begreift.
Wenn man Fehler nicht als Makel, sondern als Rohstoff betrachtet. Wenn man Wiederholung nicht als Mühsal, sondern als Rhythmus erlebt.
Wer dann noch Bewegung ins Spiel bringt – draußen, im Matsch, auf dem Baumstamm –, wer gemeinsam gestaltet, repariert, kocht, baut, wer den Bildschirm gelegentlich in die Pause schickt und stattdessen die Hände sprechen lässt, der merkt schnell, wie sich etwas löst.
Wie Mut wächst, wenn man den Prozess lobt und nicht das perfekte Ergebnis.
Wie Fantasie zurückkehrt, sobald man ihr Raum gibt.
Am Ende bleibt ein Gedanke, der leiser ist als jede Warnung, aber stärker als jede Statistik: Kreativität ist kein Vorrat, der sich erschöpft – sie ist ein Muskel, der wächst, sobald man ihn benutzt. Und Feinmotorik ist kein Talent, sondern eine Einladung. Eine Einladung, die Welt wieder mit den Händen zu begreifen. Und vielleicht auch sich selbst.
Zehn Impulse für mehr Kreativität und Feinmotorik
1. Tägliche Stiftzeit – ein paar Minuten Kritzelei, Skizze oder Schreibspiel.
2. Material erleben – Ton, Holz, Papier, Stoff, Naturfunde bewusst anfassen und formen.
3. Werkzeug nutzen – Schere, Feile, Pinsel, Schraubendreher als Einladung, nicht als Hürde.
4. Fehler willkommen heißen – sie sind Rohstoff, nicht Rückschlag.
5. Bildschirmpausen einbauen – echte Welt statt Wischbewegung.
6. Bewegung fördern – Klettern, Balancieren, Werfen stärkt Motorik und Mut.
7. Gemeinsam gestalten – Basteln, Kochen, Reparieren als Teamritual.
8. Kreative Rituale pflegen – Skizzenbuch, Wochenprojekt, Ideen-Glas.
9. Langsamkeit zulassen – Wiederholung als Rhythmus, nicht als Mühsal.
10. Den Prozess loben – nicht das perfekte Ergebnis, sondern den Weg dorthin.
Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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