Bildergalerie und Essay.
Vor 50 Jahren: Wald, Main, Tauber – Klang der Jugendzeit.

Erinnerung ist kein Rückwärtsgang. Sie ist ein Kompass. Sie zeigt nicht, wohin man zurückkehren soll, sondern worauf man achten muss, wenn man nach vorn geht.
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  • Erinnerung ist kein Rückwärtsgang. Sie ist ein Kompass. Sie zeigt nicht, wohin man zurückkehren soll, sondern worauf man achten muss, wenn man nach vorn geht.
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Zwischen Odenwald, Spessart, Taubertal und Untermain lebt manche Erinnerung.

REGION ODENWALD-SPESSART-TAUBERTAL-UNTERMAIN: Diese Landschaft war Mitte der 1970er Jahre kein einzelner Ort, sondern ein weiter Resonanzraum aus Dörfern, Marktflecken, Kleinstädten, Tälern und Höhen.

Der Odenwald mit seinen bewaldeten Rücken, der Spessart mit seinen dunklen Buchen- und Eichenhängen, das Taubertal mit seinen Muschelkalkflanken, Weinbergen und Mühlenorten, der Untermain mit seinen Schiffen, Schleusen, Fabriken und Fachwerkfassaden – alles gehörte zusammen und blieb doch eigen.

Jeder Ort hatte seinen Klang, seinen Dialekt, seine Vereinsfahnen, seine Kirchweih, seine Wirtschaft, seine Art, auf Fremde und auf die eigenen Leute zu schauen.

Politisch lag diese Region nicht an der innerdeutschen Grenze, nicht am Zonenrand im engeren Sinn. Ihre Grenzen waren anderer Art: Landesgrenzen zwischen Bayern, Baden-Württemberg und Hessen; katholische und evangelische Prägungen; alte Herrschaftsräume, Kreisgrenzen, Dialekträume, Schulwege und Buslinien.

Man lebte nicht am Ende der freien Welt, sondern an Übergängen. Der Main verband und trennte, die Tauber zog ihre geduldige Linie durch die Landschaft, die Wälder des Odenwalds und des Spessarts machten Wege länger und Gedanken manchmal enger. Wer über Amorbach, Miltenberg, Wertheim, Tauberbischofsheim, Bad Mergentheim, Walldürn, Buchen, Külsheim, Freudenberg, Klingenberg, Erbach oder Aschaffenburg sprach, meinte nicht nur Orte, sondern Zugehörigkeiten.

Der Strukturwandel war überall sichtbar. Alte Bauernhäuser bekamen neue Anbauten, Garagen wuchsen aus den Höfen, Ställe wurden erweitert, Scheunen modernisiert. Beton mischte sich mit Sandstein, Muschelkalk, Fachwerk und Holz; Zukunft mit Vergangenheit. Nebenerwerbslandwirtschaft blieb vielerorts das Rückgrat: tagsüber Fabrik, Sägewerk, Steinbruch, Maschinenbau, Bauhof, Bahn, Verwaltung oder Laden, abends Stall, Garten, Weinberg, Waldstück.

Die Hände rochen nach Öl, Heu, Most, Erde und manchmal nach Kühlschmierstoff zugleich. Das Dröhnen der Heubelüfter, das Klirren der Melkmaschinen, das Knattern der Traktoren, das Rauschen der Sägen und das Tuckern eines Mainschiffs gehörten zu einer Welt, die sich veränderte, ohne sich ganz zu verlieren.

Die Vereine bildeten das soziale Fundament: der Sportverein mit seinen hitzigen Derbys, die Feuerwehr mit Übungen im Abendlicht, der Musikverein mit Proben, die nach Holz, Blech und Bohnerwachs rochen, der Gesangverein, der Schützenverein, die Kolpingsfamilie, die Landjugend, der Weinbauverein, der Heimat- und Geschichtsverein.

Am Untermain und im Taubertal kamen Winzerfeste, Kerwen, Märkte und Pfarrfeste hinzu; im Odenwald und Spessart die Wald- und Hoffeste, die Kirchweihen und die Musikfeste. Diese Vereine waren nicht nur Freizeit. Sie waren Ausweis, Halt, Bühne und Gedächtnis.

Die Jugend war organisiert, aber nicht vollständig kontrolliert. Kirchliche Gruppen trafen sich regelmäßig, sangen Lieder, organisierten Kinoabende, Zeltlager, Wallfahrten und Bildungstage. Die Wochenenden gehörten Plattenpartys, Kerwetänzen, Jugendtreffs, Discos in Gasthäusern, Sälen und Kellern.

Musik kam aus Kofferradios, Plattenspielern, Kassettenrekordern und Autolautsprechern. Sie war so laut, dass Fenster vibrierten und alte Leute am nächsten Morgen genau wussten, wo gefeiert worden war. Der Sound dieser Jahre war gemischt: deutscher Schlager, internationaler Pop, Disco, Rock und die ersten härteren Gitarrenklänge.

Auf den Plattentellern liefen Udo Jürgens mit „Griechischer Wein“, Michael Holm mit „Tränen lügen nicht“, Jürgen Drews mit „Ein Bett im Kornfeld“, Marianne Rosenberg mit „Er gehört zu mir“, Peter Maffay mit „So bist du“, Howard Carpendale mit „Ti amo“, dazu ABBA, Smokie, Boney M., die Bee Gees, Status Quo, Deep Purple, Pink Floyd und Dire Straits.

Wer es tanzbar wollte, hörte „Y.M.C.A.“ von Village People oder „Daddy Cool“ von Boney M.; wer es ernster mochte, legte „The Wall“ oder „Sultans of Swing“ auf. Schlager, Disco und Rock standen nicht sauber getrennt nebeneinander – sie vermischten sich in Jugendheimen, Partykellern, Autos, Wirtshaussälen und Festzelten zwischen Main, Tauber, Mud, Erf, Elsava und Kahl.

Doch hinter der Lautstärke lag auch eine stille Bedrohung. Rauchen war selbstverständlich, Alkohol ebenso. Die Wirtshäuser waren verrauchte Höhlen, die Bars in Nebenräumen eng und laut. Rivalisierende Gruppen prägten manche Wochenenden: Cliquen, die sich nicht organisierten, aber existierten. Ein falscher Blick, ein falsches Wort, ein falscher Schritt – und die Stimmung kippte. Raufereien, Autounfälle, Mutproben, Jugendwetten, die man heute nicht mehr zulassen würde. Nächtliche Wege durch Wald und Weinberge, Fahrten auf schmalen Straßen, Mopeds ohne Licht, Sprünge über Gräben, Klettereien an Steinbrüchen oder alten Mauern.

Die Landschaft war schön, aber nicht harmlos; die Freiheit groß, aber nicht immer klug genutzt.
Das Umfeld war oft rau. Eltern, die hart arbeiteten und hart redeten. Lehrer, die streng waren, manchmal zu streng. Pfarrer, Bürgermeister, Vereinsvorsitzende und Ausbilder, die Orientierung gaben, aber auch Druck machten. Man kannte einander, half einander, beobachtete einander. Das Dorf war Schutzraum und Schaufenster zugleich. Wer aus der Reihe fiel, wurde gesehen. Wer Hilfe brauchte, manchmal auch.

Ein Abend im Jahr 1976 fasst diese Welt zusammen: Nebel hängt über dem Maintal, im Taubertal steigt Kühle aus den Wiesen, im Odenwald und Spessart werden die Hänge dunkel. Im Jugendheim eines beliebigen Dorfes brennt Licht, Stimmen mischen sich, jemand lacht, jemand streitet. Draußen knattert ein Moped, drinnen dreht sich eine Schallplatte. Ein Mädchen tanzt, ein Junge lehnt an der Wand, die Zeit ist jung und ungeduldig. Die Häuser stehen still, die Scheunen atmen, die Weinberge schweigen, der Wald rauscht wie ein altes Gedächtnis.

Die meisten sind geblieben. Sie bauten an, wechselten Berufe, pendelten nach Aschaffenburg, Würzburg, Heilbronn, Mannheim, Frankfurt oder in die Betriebe der Umgebung, gingen später früh oder spät in Rente. Sie lebten ein Leben, das nicht spektakulär war, aber verlässlich – ein Leben, das sich an Täler, Höhen, Flüsse und Dorfstraßen schmiegte wie Nebel an einen Sommermorgen.

Wenige sind weggezogen. Sie machten Karriere in anderen Landstrichen und Städten, weit weg, in Welten, die man damals nur aus dem Fernsehen kannte: in Kliniken, Redaktionen, Verwaltungen, Hochschulen, Unternehmen. Doch selbst bei ihnen blieb etwas zurück: eine Verbundenheit, wenigstens Erinnerungen, ein inneres Bild von Wald, Fluss, Weinberg, Nebel und Stimmen, die nie ganz verschwanden.

Viele leben nicht mehr. Manche überstanden die Autounfälle nicht, die Nächte, die zu schnell waren, die Straßen, die zu eng. Manche führten kein gesundes Leben – zu viel Alkohol, zu viel Nikotin, zu viel Härte. Manche zerbrachen an Scheidungen, an Brüchen, an einem Umfeld, das nicht immer sanft war. Manche verloren Halt und fanden keinen neuen. Auch das gehört zur Wahrheit dieser Erinnerung: Nicht alles, was lebendig war, war gut. Nicht alles, was Gemeinschaft hieß, war Geborgenheit.

Und heute? Die alten Grenzen sind nicht verschwunden, aber sie haben ihre Gestalt verändert. Kreis- und Landesgrenzen spielen im Alltag weniger hart, die Wege sind schneller geworden, die Welt ist näher gerückt. Zugleich sind andere Unsicherheiten geblieben oder neu entstanden: wirtschaftliche Brüche, globale Krisen, Klimawandel, digitale Überforderung, Vereinssterben, leere Wirtshäuser, Nachwuchssorgen und eine Geschwindigkeit, die kein Dorf allein aufhalten kann.

Vielleicht deshalb bleibt die Erinnerung an jene Zeit so stark. Weil sie unvollkommen war, aber greifbar. Weil sie hart war, aber ehrlich. Weil sie laut war, aber menschlich. Eine Welt ohne Handys – aber voller Leben. Eine Welt, die nicht perfekt war, aber echt. Eine Welt, die heute fehlt, weil sie nicht wiederkommt.

Was ist also die Lehre aus dieser Bilanz? Vielleicht nicht die, dass früher alles besser war. Das wäre zu einfach, zu bequem und am Ende auch unwahr. Jene Jahre waren nicht romantisch im reinen Sinn. Sie kannten Enge, Härte, Schweigen, gefährliche Rituale und Lebenswege, die früh abbrachen. Aber sie kannten auch etwas, das heute kostbar geworden ist: Verbindlichkeit.

Man kannte einander, manchmal zu gut, aber man ließ einander nicht ganz aus den Augen. Man war angewiesen auf Nachbarn, Vereine, Familien, auf das gesprochene Wort am Gartenzaun, auf die Hand, die mit anpackte, wenn Heu einzubringen war, die Lese begann, ein Feuerwehrfest vorbereitet wurde oder ein Musikzelt stand.

Der heutigen Generation kann man aus dieser Erinnerung vor allem Mut mitgeben: den Mut, Herkunft nicht als Last zu begreifen, sondern als Vorrat. Nicht alles muss bewahrt werden, aber manches sollte nicht verloren gehen – die Fähigkeit, Gemeinschaft zu stiften, Verantwortung zu übernehmen, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, nicht bei jeder Schwierigkeit sofort auszuweichen. Die Jungen von heute brauchen keine verrauchten Wirtshäuser, keine gefährlichen Mutproben und keine Pädagogik der Härte.

Aber sie können lernen, dass Leben nicht nur aus Möglichkeiten besteht, sondern auch aus Bindungen; nicht nur aus Geschwindigkeit, sondern auch aus Geduld; nicht nur aus Selbstverwirklichung, sondern auch aus Rücksicht.

Vielleicht liegt darin die versöhnliche Pointe dieser Bilanz: Aus einer rauen Zeit kann eine sanfte Lehre wachsen. Wer zurückblickt, muss nicht verklären. Er darf auswählen, was trägt. Der Wald, der Main, die Tauber, der Klang der Jugendzeit – sie erzählen nicht nur von Verlust, sondern auch von Widerstandskraft. Von Menschen, die mit wenig auskommen mussten und dennoch Feste feierten. Von Dörfern, die am Rand lagen und doch Mitte waren für jene, die dort aufwuchsen. Und von einer Freiheit, die heute größer ist als damals, aber nur dann gelingt, wenn sie mit Verantwortung verbunden bleibt.

So bleibt am Ende kein Denkmal aus Stein, sondern ein Ton im Ohr: das Knattern eines Mopeds im Tal, das Rauschen der Bäume, das Läuten einer Kirchenglocke, der Hall einer Kapelle im Festzelt, eine Platte, die sich dreht. Erinnerung ist kein Rückwärtsgang. Sie ist ein Kompass. Sie zeigt nicht, wohin man zurückkehren soll, sondern worauf man achten muss, wenn man nach vorn geht.

Roland Schönmüller

BU 1: Sandstein, Fachwerk, Wald und Fluss – eine herbe, warme Landschaft zwischen Odenwald, Spessart, Taubertal und Untermain. Foto Roland Schönmüller

BU 2: Gratwanderung zwischen Licht und Schatten: Der heutigen Generation kann man aus der Erinnerung vor allem Mut mitgeben – den Mut, Herkunft nicht als Last zu begreifen, sondern als Vorrat. Gesehen zwischen Main, Tauber und Wald. Foto Roland Schönmüller

Autor:

Roland Schönmüller aus Miltenberg

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