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Countdown bei Bernd Rützel (MdB).
- Rützel spricht frei.
Und man merkt schnell: Dieser Mann kennt nicht nur Sitzungsräume und Ausschüsse.
Er erzählt aus seiner eigenen beruflichen Vita bei der Bahn. Von einer Arbeitswelt, in der Wind und Regen keine Metaphern sind, sondern Wetter. Von schweren Sicherheitsschuhen, von Gleisen und Kontrollen, von gefährlichen Nachtschichten im Freien und jener Verantwortung, die nicht endet, nur weil andere längst schlafen.
Wer selbst draußen an der Strecke gearbeitet hat, spricht über die Bahn eben etwas anders als jemand, der sie vor allem von einer Verspätungsanzeige am Bahnsteig kennt - hochgeladen von Roland Schönmüller
Wenn der Geburtstag wartet und die Bahn nicht immer: Ein Abend mit Bernd Rützel.
Der Countdown läuft, aber vorher wird noch Politik gemacht. Wenige Stunden vor seinem 58. Geburtstag sitzt Bernd Rützel nicht gemütlich zu Hause in Gemünden, sondern steht vor Genossinnen und Genossen in einem Eichenbühler Wirtshaus.
Ohne Podest und ohne Mikrofon, dafür mit Humor, Erinnerungen an Nachtschichten bei der Bahn und reichlich Stoff aus dem politischen Alltag. Ein Abend zwischen Hauptstadt und Heimat, Gleisen und Gesellschaft, Nieselregen und Platzregen. Und irgendwo dazwischen tickt leise die Uhr Richtung Geburtstag.
Noch sechs Stunden.
Dann ist der 2. Oktober 2026, und Bernd Rützel kann seinen 58. Geburtstag feiern. Zu Hause in Gemünden, in seiner Heimatstadt.
Ein vernünftiger Mensch würde an einem solchen Abend vielleicht schon einmal die Füße hochlegen, eine Flasche kaltstellen und darauf vertrauen, dass die Republik für ein paar Stunden auch ohne ihn auskommt.
Rützel aber hat noch einen Termin, eingeladen von Joachim Schmeidig, dem SPD-Ortsvorsitzenden
in Eichenbühl, Unterfranken.
Wirtshaus statt Wohnzimmer. Fränkische Genossinnen und Genossen statt Geburtstagsvorbereitungen. Rund zwei Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer, eine überschaubare Runde, kurze Wege zwischen Redner und Publikum. Kein Podiumszirkus, keine große Inszenierung, kein Mikrofon.
Draußen ist Regen angesagt. Zunächst hält sich der Himmel an eine eher zurückhaltende Form der politischen Eskalation: Nieselregen.
Drinnen dagegen kommt einiges zusammen.
Rente und Pflege, Bildung und Bahn, Berufsschulen und Petitionen, regionale Probleme und die Frage, was von all dem schließlich in Berlin ankommt. Themen also, die auf einer Bundestags-Tagesordnung schnell nach Aktenlage klingen können, in einem unterfränkischen Wirtshaus aber plötzlich einen Bahnhof, eine Straße, einen Schulweg und manchmal sogar ein Gesicht bekommen.
Rützel spricht frei.
Und man merkt schnell: Dieser Mann kennt nicht nur Sitzungsräume und Ausschüsse.
Er erzählt aus seiner eigenen beruflichen Vita bei der Bahn. Von einer Arbeitswelt, in der Wind und Regen keine Metaphern sind, sondern Wetter. Von schweren Sicherheitsschuhen, von Gleisen und Kontrollen, von gefährlichen Nachtschichten im Freien und jener Verantwortung, die nicht endet, nur weil andere längst schlafen.
Wer selbst draußen an der Strecke gearbeitet hat, spricht über die Bahn eben etwas anders als jemand, der sie vor allem von einer Verspätungsanzeige am Bahnsteig kennt.
Vielleicht liegt genau darin eine der Stärken dieses Abends.
Hier steht nicht nur der Bundestagsabgeordnete vor seinem Publikum. Hier steht auch der frühere Bahnarbeiter. Einer, der erzählen kann, wie es sich anfühlt, nachts draußen zu arbeiten, während Wind und Regen, Schnee und Eis ihre ganz eigene Geschäftsordnung schreiben.
Und dann ist da sein heutiger Terminkalender.
Würzburg, Erlenbach am Main, Eichenbühl.
Bundestagsabgeordneter zu sein bedeutet offenbar auch, gelegentlich eine Art menschlicher Regionalexpress zu werden. Nur mit dem bemerkenswerten Unterschied, dass Rützel an diesem Abend seinen Fahrplan einzuhalten scheint.
Immer wieder holt er Berlin nach Franken und Franken nach Berlin.
Er geht auf Fragen ein, knüpft an lokale Erfahrungen an, erzählt Biographisches, stellt regionale Bezüge her und verbindet sie mit der großen Bundespolitik. Aus der Rente wird dabei kein abstraktes Rechenmodell, aus Pflege keine bloße Gesetzesmaterie und aus Bildung kein Sonntagswort.
Und bei der Bahn wird es ohnehin sehr schnell konkret.
Da ist etwa jener Ort, in dem die Gleise nicht nur verbinden, sondern auch trennen und in dem zeitweise nur ein schmales Zeitfenster bleibt, um von der einen Seite auf die andere zu gelangen.
Fast ein kleines geteiltes Berlin im Fränkischen.
Nur ohne Checkpoint Charlie.
Dafür mit Bahnproblem.
Das ist überhaupt die angenehme Besonderheit dieses Abends: Politik kommt hier nicht als PowerPoint daher.
Rützel braucht weder Rednerpult noch Mikrofon, um gehört zu werden. Die Entfernung zwischen Bundestag und Wirtshaustisch schrumpft auf wenige Meter.
Die Fragen kommen aus dem Raum und nicht aus einem vorher sortierten Katalog. Antworten dürfen länger sein. Manchmal werden sie fachlich, manchmal persönlich, manchmal biographisch. Und immer wieder blitzt jener Humor auf, ohne den vermutlich weder fränkische Wirtshausabende noch Berliner Sitzungswochen auf Dauer zu überstehen wären.
Dabei ist der langjährige Bundestags-Abgeordnete auch leitender Ausschussvorsitzender für Arbeit und Soziales. Schon der Titel besitzt eine gewisse amtliche Schwere.
An diesem Abend trägt Rützel sie erstaunlich leicht.
Vielleicht liegt es am Wirtshaus.
Vielleicht an der Nähe zu den Menschen, die er eingangs persönlich per Handschlag begrüßt.
Vielleicht aber auch daran, dass im Hintergrund längst noch ein ganz anderer Zeitplan läuft.
Einer ohne Tagesordnung.
Ohne Ausschussdrucksache.
Und garantiert ohne Sitzungsleitung.
Noch fünf Stunden.
Noch vier.
Bis zum 58.
Während also über Pflege, Rente, Bahnstrecken, Berufsschulen und Petitionen gesprochen wird, rückt Mitternacht näher. Und mit ihr jener Moment, an dem aus dem 57-jährigen Bundestagsabgeordneten ganz ohne Abstimmung ein 58-jähriger wird.
Dagegen hilft kein Änderungsantrag.
Als der Abend schließlich zu Ende geht, hat auch der Himmel beschlossen, noch einmal in die Dramaturgie einzugreifen.
Aus dem zurückhaltenden Nieselregen ist inzwischen Platzregen geworden.
Die urige, restaurierte Kneipe entlässt ihre Gäste in eine Nacht, in der der Weg von der Haustür bis zum Auto ausreicht, um die Regenfestigkeit eines Mantels einer ziemlich gründlichen parlamentarischen Anhörung zu unterziehen.
Rützel hat immerhin einen Vorteil.
Er muss nicht selbst fahren.
Nach einem langen Tag zwischen Würzburg, Erlenbach am Main und Eichenbühl könnte das jene Form politischen Fortschritts sein, die unmittelbar einleuchtet.
Also hinein ins Auto.
Hinter ihm liegen Termine, Vortrag, Diskussion, Fragen und Gespräche. Vor ihm liegt die Heimfahrt.
Und Gemünden.
Und dann um Mitternacht der Geburtstag.
So bleibt von diesem Abend nicht nur eine ganze Reihe politischer Themen hängen. Es bleibt vor allem ein Bild davon, wie klein die Entfernung zwischen großer Politik und ganz alltäglichem Leben werden kann.
Ein Bundestagsmandat klingt ziemlich groß, wenn man es in Berlin ausspricht.
In einem unterfränkischen Wirtshaus bekommt es plötzlich wieder menschliches Maß.
Ohne Podest.
Ohne Mikrofon.
Zwischen Rente und Regionalbahn, Pflege und Petitionen, Nachtschicht-Erinnerungen und fränkischen Fragen. Mit etwas Humor, einer Portion Scharfsinn und einem Himmel, der zum Abschied sämtliche Schleusen öffnet.
Und irgendwo auf der Straße Richtung Gemünden zählt die Uhr weiter.
Noch ein paar Stunden.
Dann ist Bernd Rützel 58.
Und für diesen Tagesordnungspunkt braucht selbst der Bundestag keinen Beschluss.
Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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