Die Notfallseelsorge im Landkreis Miltenberg ist eine Erfolgsgeschichte von gelingender Zusammenarbeit
In Notsituationen begleiten

Der evangelische Pfarrer Hans Burkhardt, die Kriseninterventionsberaterin Anja Wienand und der katholische Pfarrer Wolfgang Schultheis (von links) sind das Leitungsteam der Notfallseelsorge im Landkreis Miltenberg.
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  • Der evangelische Pfarrer Hans Burkhardt, die Kriseninterventionsberaterin Anja Wienand und der katholische Pfarrer Wolfgang Schultheis (von links) sind das Leitungsteam der Notfallseelsorge im Landkreis Miltenberg.
  • hochgeladen von Andrea Kaller-Fichtmüller

„Kinder notfallseelsorgerisch zu betreuen ist eine besondere Herausforderung!“ Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge und der Integrierten Leitstelle, Rettungskräfte, Feuerwehrleute und Polizisten, aber auch Erzieherinnen, die sich an jenem Samstag im Wörther Pfarrzentrum St. Nikolaus zum gemeinsamen Fortbildungstag getroffen haben, nicken übereinstimmend. „Wenn Kinder betroffen sind – Arbeit unter emotional schwierigen Bedingungen“ heißt das Thema dieses Tages, den die Notfallseelsorge (NFS) am Untermain (Landkreise Aschaffenburg und Miltenberg) am 23. März veranstaltet hat.

Seit 1997 im Landkreis

Seit dem 1. Oktober 1997 gibt es auf Initiative des Landratsamtes im Landkreis Miltenberg die Einrichtung der Notfallseelsorge, die mittlerweile fester Bestandteil im Rettungsgeschehen ist. Die NFS arbeitet ökumenisch und ist damit ein Bereich, in dem die Zusammenarbeit beider Konfessionen sehr gut funktioniert. Seit einigen Jahren koordinieren und leiten Wolfgang Schultheis für die katholische Kirche und Hans Burkhardt für die evangelische Kirche den Dienst.

Die dritte Ansprechperson ist Anja Wienand. Sie ist Kriseninterventionsberaterin und Fachdienstleiterin psychosoziale Notfallversorgung von Seiten des Kriseninterventionsdienstes (KID) des Bayerischen Roten Kreuzes. Dieser Dienst entstand einige Zeit nach der Notfallseelsorge.

Aushalten, begleiten, helfen, unterstützen

Heute arbeiten Notfallseelsorge und Kriseninterventionsdienst eng miteinander zusammen. Sie ergänzen sich und vertreten sich gegenseitig. Das liegt zum großen Teil an den Personen, denn Wolfgang Schultheis, Hans Burkhardt und Anja Wienand verstehen sich gut. Die Harmonie der drei hat große Auswirkungen darauf, dass die Notfallversorgung im Landkreis so gut funktioniert und eine Erfolgsgeschichte von gelingender Zusammenarbeit ist.

Enge Zusammenarbeit

Was genau ist NFS? Die NFS begleitet Menschen in Notsituationen. Nach dem plötzlichen Tod eines Angehörigen, nach Unfällen, Suizid oder wenn die Nachricht über den Tod eines Angehörigen zu überbringen ist, ist die NFS da. „Sie arbeitet dabei mit den Rettungskräften und Notärzten, der Polizei und der Feuerwehr zusammen“, erklärt Hans Burkhardt. „Kurz gesagt mit allen, die Blaulicht haben.“ Die NFS wird von erfahrenen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgeübt, die hierzu besonders geschult wurden.

12 Notfallseelsorger im Landkreis

Im Landkreis Miltenberg gibt es insgesamt 12 Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger . „Darin eingeschlossen sind alle Kräfte“, so Wolfgang Schultheis. „Im Wochendienst sind jeweils 2 Ansprechpartner im Einsatz.“ Alarmiert werden können die Kräfte übrigens nur von der Integrierten Leitstelle. „Die Entscheidung darüber, ob Notfallseelsorge erforderlich ist, trifft die Einsatzleitung vor Ort“, legt Hans Burkhardt dar. Wenn Menschen selbst einen Seelsorger für Notfälle brauchen, dann kommt zunächst der örtliche Seelsorger in Frage. Auch das System der Telefonseelsorge ist in solchen Fällen eine geeignete Stelle.

Viele häusliche Einsätze

Dabei handelt es sich bei den Einsätzen nicht nur um Unfälle. „Wir haben rund 80 Einsätze pro Jahr“, sagt Anja Wienand. „Davon sind etwa die Hälfte im häuslichen Bereich.“ Das liegt, so erläutern die drei Koordinatoren des Leitungsteams, an den gesellschaftlichen Strukturen: „Die nächsten Angehörigen sind oft nicht in der Nähe, so dass den Menschen in der konkreten Notfallsituation ein naher Verwandter als Bezugsperson fehlt.“

B und E

Unterschieden wird bei der NFS und der Krisenintervention in zwei Bereiche: B für direkt Betroffene, das sind Unfallopfer oder durch Notfälle direkt geschädigte Menschen und E, das sind die mittelbar Betroffenen wie Helferinnen und Helfer der Rettungsorganisationen.

Die Hilfe im Einzelnen

Wie sieht die konkrete Hilfe jetzt im Einzelnen aus? „Es ist für die direkt Betroffenen wichtig, dass eine feste Struktur geschaffen wird, damit sie weitermachen können. Sie müssen buchstäblich wieder festen Boden unter die Füße bekommen“, so Wienand, Burkhardt und Schultheis übereinstimmend. „Dazu ist es wichtig, mit den Betroffenen den Schrecken auszuhalten und sie beim Abschied nehmen zu begleiten. Ganz elementar ist es, dabei zu helfen, Verwandte und Freunde herbei zu holen, die sie weiter begleiten können und sie dabei zu unterstützen, die nächsten Stunden und Tage zu strukturieren und die wichtigsten Dinge in den Blick zu nehmen.“

Gemeinsame Nachbesprechung

Für die Helferinnen und Helfer als mittelbar Betroffene sieht die NFS so aus, dass bei größeren Einsätzen eine gemeinsame Nachbesprechung mit allen Einsatzkräften stattfindet, denn oft sind Bilder in den Köpfen, die die Helfer verfolgen. „Es geht auch darum, den Einsatz als solchen Revue passieren zu lassen“, führt Hans Burkhardt aus. „Da geht es beispielsweise um die Frage, was verbessert werden kann. Hier sind dann auch mehrere Notfallseelsorger im Einsatz, die sich gegenseitig unterstützen.“ Bei solchen Großschadenslagen sind NFS, KID und andere Einheiten der Einsatzorganisationen im System der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) zusammengefasst.

Notfallseelsorge im Wandel

So, wie die Notfallseelsorge heute aussieht, war sie nicht immer. „Früher haben wir in erster Linie zugehört, die Situation gespiegelt und sind in die Tiefe gegangen“, stellt Wolfgang Schultheis fest. „Das war jedoch in der konkreten Situation kontraproduktiv.“ „Jetzt geben wir in erster Linie Struktur und Sicherheit“, ergänzt Hans Burkhardt. „Die Notfallseelsorge hat sich professionalisiert und eine Eigendynamik bekommen. Das macht es für uns leichter. Die Einsätze werden auch länger, denn wir lassen die Menschen nicht allein.“ Beide haben festgestellt, dass die Notfallseelsorge ein wachsender Bereich innerhalb der Kirche ist. „Hier wird Kirche als wichtig erlebt, das ist sehr hilfreich!“

Gute Psychohygiene

Wie gehen die ehrenamtlichen Mitarbeiter von NFS und KID selbst mit ihren Erlebnissen bei Einsätzen um? „Wir haben eigene Strategien zur Verarbeitung von Einsätzen entwickelt. So haben wir gelernt, eine gute Psychohygiene zu machen, die auch Bestandteil der Ausbildung ist. Natürlich gibt es ganz unterschiedliche Situationen und auch die Einsatzhäufigkeit ist sehr verschieden – manche werden öfter zum Einsatz gerufen, andere seltener. Aber das liegt nicht an der Person, sondern ergibt sich aus dem Dienstplan oder dem Einsatzort.“

Fortbildungen wichtig

Fortbildungen wie in Wörth vor wenigen Tagen, an denen die ehrenamtlichen Mitarbeiter regelmäßig teilnehmen, dienen dabei nicht nur dem Gedankenaustausch. „Für uns sind die Fortbildungen ein wichtiger Bestandteil zur weiteren Entwicklung, denn die Beiträge der Redner und Referenten gehen über den eigenen Horizont hinaus“, sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter von NFS und KID überzeugt. „Sie leisten auch uns praktische Hilfestellung und geben Handlungssicherheit bei den verschiedenen Einsätzen. Vieles können wir auch in unser eigenes Umfeld mitnehmen, beispielsweise die Vereine vor Ort. So sind wir Vermittler für die Hilfskräfte, die bei den Einsätzen zur Stelle sind. Nicht zuletzt ist auch das Kennenlernen untereinander wichtig, das geht sonst manchmal leider unter. Wir sind sehr dankbar dafür.“

Dienst am Nächsten

Notfallseelsorge ist Dienst am Nächsten. „Sie gehört zu den Aufgaben unseres diakonischen und seelsorgerischen Handelns“, betonen Wolfgang Schultheis und Hans Burkhardt. „Es war ein mühevoller Weg, dorthin zu gelangen, wo wir jetzt sind, aber es ist gut, dass wir ihn gegangen sind.“

Sigrun Wörner, Feuerwehrfrau, Weckbach: „Seit mittlerweile mehr als 16 Jahren bin ich Feuerwehrfrau bei der Weckbacher Feuerwehr. Die Notfallseelsorge habe ich in dieser Zeit noch nicht nötig gehabt. Ich selbst halte sie sehr wichtig, um das, was man als ehrenamtlicher Helfer beim Einsatz erlebt und gesehen hat, verarbeiten zu können. Durch meinen Beruf – ich bin Altenpflegerin – habe ich öfters mit emotional schwierigen Situationen zu tun. Als Stationsleitung bin ich zudem geschult, meine Mitarbeiter in solchen Situationen zu unterstützen und komme damit gut klar. Ich denke, dass es auf die Person selbst ankommt, ob sie Hilfe beim Verarbeiten braucht oder nicht. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Wir handhaben es so, dass wir uns nach Einsätzen zusammensetzen und im Team darüber sprechen.“

Manuel Walther, 1. Kommandant in Wenschdorf und Feuerwehrmann in Miltenberg: „Seit 01.04.2016 bin ich jetzt 1. Kommandant in Wenschdorf. Ich habe eine super Mannschaft hinter mir stehen, die ich auch gerne aus- und weiterbilde. Da wir in Wenschdorf das einzigste große Fahrzeug auf der Höhe stationiert habe, üben wir ein- bis zweimal im Jahr mit schwerem Rettungsgerät und auch oft mit Atemschutzgeräteträgern für den Innenangriff. Wir hatten zum Glück in der Zeit, in der ich bei der Feuerwehr bin, noch keinen so heftigen Einsatz, dass wir einen Notfallseelsorger/in benötigten. In Miltenberg dagegen ging es 2018 mit über 150 Einsätzen rund. Davon war einer, bei dem ein Notfallseelsorger eingesetzt werden musste. Bei dem Gruppengespräch, vor allem mit den Atemschutzgeräteträgern, war ich mit dabei und fand es in dem Moment wichtig, dass professionelle Hilfe angeboten wurde. Ich selbst habe es gut verdaut und habe die Hilfe nicht mehr gebraucht. Aber nach diesem Vorfall weiß ich auch, dass ich als Führungskraft in Wenschdorf bei einem schlimmen Ereignis, sofort einen Notfallseelsorger anfordern würde, um das Beste für meine Mannschaft machen zu können.
Es ist wichtig, nicht nur in solch schweren Fällen über den Einsatz zu reden, sondern sich auch bei normalen Einsätzen die Zeit zu nehmen, um mit der Mannschaft zu sprechen und vor allem auch jeden auf denselben Stand zu bringen.“

Florian Herbert, Feuerwehrmann, Wörth: „Die Notfallseelsorge ist für uns Feuerwehrleute sehr wichtig, denn wir wollen das beim Einsatz Erlebte nicht mit nach Hause tragen. Man muss über belastende Einsätze sprechen, sonst besteht die Gefahr, dass die Bilder sich im Kopf festsetzen und einen nicht mehr loslassen.
In der Regel erfolgt die notfallseelsorgerische Betreuung in mehreren Schritten. Zunächst sprechen wir direkt nach dem Geschehen darüber, allerdings auch nur die Einsatzkräfte, die direkt am Ort des Geschehens geholfen haben. Straßensicherungskräfte oder andere Helfer sind hier außen vor. Nach wenigen Tagen erfolgt ein zweites Treffen, um zu klären, ob das Geschehen so weit verarbeitet werden konnte oder ob noch Gesprächsbedarf besteht. Diese Vorgehensweise hat sich bewährt.“

Yvonne Bauer, Feuerwehrfrau, Wörth: „Ich bin jetzt seit 16 Jahren Feuerwehrfrau bei der Wörther Feuerwehr und war zum Glück noch nicht selbst in der Situation, dass ich die Notfallseelsorge in Anspruch nehmen musste. Nach einem tragischen Geschehen ist die Notfallseelsorge sehr wichtig. Wir setzen uns anschließend zusammen, weil man das Erlebte gemeinsam besser verarbeiten kann. In unserem Pfarrer Schultheis haben wir auch einen wunderbaren Helfer mit sehr guter Betreuung an unserer Seite. Ich glaube, dass man als Feuerwehrfrau auch anders an die Sache herangeht als die männlichen Kollegen. Es gibt verschiedene Reaktionen nach schweren Ereignissen, manche Kameradinnen/Kameraden suchen sich direkt einen Ansprechpartner, um das Geschehene zu verarbeiten, andere wiederum ´fressen´ es in sich hinein.“

Autor:

Andrea Kaller-Fichtmüller aus Miltenberg

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